Montag, 12. November 2018

Elliot Sweater von Helens Closet

"Auf der Zielgeraden- Hamburg wir kommen!" so ist das Motto des aktuellen Treffens des Novemberwetter-Sewalongs von Frau Küstensocke.
Ich hatte ja große Pläne gehabt für diesen Sewalong. Neben dem Kelly-Anorak wollte ich mir noch eine Hose nähen, ein Kleid, einen warmen Pulli...so war meine optimistische Ankündigung vor einigen Wochen. Natürlich habe ich davon nur einen Bruchteil verwirklicht, wie das immer so ist mit den guten Vorsätzen.

Der Anorak ist fertig und ja wirklich schön geworden, der wird mich auf meine Reise nach Hamburg begleiten. Für die geplante Hose habe ich immerhin schon zwei Stoffe hier liegen, auch schon zwei Schnitte. Also es sollen dann wohl eigentlich zwei Hosen werden- irgendwann.
Das Kleid Felix von Grainline habe ich gedanklich auf den nächsten Sewalong geschoben, den Weihnachtskleid-Sewalong, da paßt es irgendwie besser hin.
Aber einen Erfolg kann ich heute noch vorweisen, der Pulli ist fertig! Ich habe den neuen Schnitt von Helens Closet genäht, den Elliot Sweater.

Elliot ist ein Raglanschnitt, der in verschiedenen Variationen genäht werden kann: als kurzer Pulli, als Shirt und als Pulli mit Seitenschlitz und einem deutlich verlängerten Rückenteil, sozusagen Vokuhila extrem. Diese Version fand ich auf den Bildern der Designerin am schönsten, und so habe ich diese genäht.

Mein Stoff ist ein weicher Strickstoff, halb Wolle, halb Baumwolle. Bezogen habe ich ihn hier, aktuell gibt es ihn aber offensichtlich nicht mehr. Er ist marine-weiß gestreift, das fand ich so passend für Hamburg im November.

Der Plan war ja auch gut, allerdings hat mir das diesjährige Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Schon beim Zuschneiden des Pullis letzte Woche kamen mir Bedenken, ob der Stoff nicht etwas zu warm werden würde. Ich habe mich deshalb auch nur für den halbhohen Rollkragen entschieden, es gibt auch noch eine Version mit einem doppelt so hohen Kragen, in den man sich dann so richtig einkuscheln kann.

Aber wer will sich in einen Rollkragen mit hohem Wollanteil einkuscheln, wenn draußen das Thermometer fast 20° anzeigt?
Das war eines meiner Probleme, als wir die Bilder für diesen Blogbeitrag am Sonntag aufgenommen haben. Bei Beginn der Wanderung hatte ich zwar noch Pull , Schal und Anorak getragen, mich aber dann rasch aller möglichen Schichten entledigt- es war einfach zu warm. Den Pulli habe ich ausgezogen, nachdem die Bilder gemacht waren.

Das andere Problem war, daß mir eine Schafherde, auf die wir bei der Wanderung trafen, absolut die Show gestohlen hat. Ich hatte den vierbeinigen Wolllieferanten ja nur eine Statistenrolle beim Foto-Shooting zugedacht, mein Fotograf aka Ehemann sah das anders, fokussierte lieber die Schafe und hatte am Ende viel mehr Bilder von den Tieren als von mir gemacht. Er hatte allerdings auch schon vorher angekündigt, daß ihm der Pulli überhaupt nicht gefallen würde.
Ich muß aber auch zugeben, daß die Schafe schon süß waren. Mittendrin ein Esel- ist das nicht ein wunderschöner Kerl?

Meine Meinung über den Pulli ist noch nicht so eindeutig. Einerseits finde ich den Stil mit dem langen Rückenteil ganz witzig- andererseits paßt es nur zu engen Hosen, und durch den Schlitz zieht der Wind ganz schön rein. Bei Kälte wird mich das sicher stören. Die Ärmel habe ich übrigens verlängert, die sind im Original nur Dreiviertel-Ärmel.
Aber es wäre auch kein Problem, den Schnitt so zu ändern, daß er etwas klassischer wird. Der Schnitt sieht ja auch noch eine kurze Version vor, die über Röcken und taillenhohen Hosen sicher gut aussieht. Und das lange Rückenteil und der Schlitz läßt sich nach Belieben kürzen.

In jedem Fall ist Elliott ein sehr gelungener Pulloverschnitt mit einer schön geschwungenen Raglannaht. Im Vergleich zum Linden-Sweatshirt von Grainline ist der Halsausschnitt deutlich höher, die Weite ist ähnlich.

Genäht habe ich Elliott übrigens in der Größe M. Die Arbeitsanleitung ist wunderbar ausführlich, ich habe sie aber kaum gebraucht, da der Schnitt keine besonderen Anforderungen stellt und an einem Nachmittag gut genäht werden kann. Genäht habe ich größtenteils mit einem Elastikstich meiner Nähmaschine anstatt der Overlock, weil ich an der Nähmaschine den Obertransportfuß einsetzen kann. Bei dickeren Stoffen mache ich damit gute Erfahrungen, insbesonder wenn auch noch Streifen halbwegs passend zusammen genäht werden sollen.

Jetzt bin ich aber doch gespannt, wie weit die anderen Teilnehmer des Sewalongs sind. Sicher gibt es viele tolle fertige und fast fertige Teile zu bestaunen- der blaue Mantel von Frau Küstensocke ist jedenfalls absolut genial!
verlinkt: Novemberwettersewalong, Afterworksewing, Sewlala

Dienstag, 6. November 2018

Herbstanorak: Kelly von ClosetCase

Darf ich vorstellen: mein neuer Herbst-Anorak! Das Schnittmuster ist Kelly von ClosetCase Patterns- ein vielgenähter und schon vielbesprochener Schnitt. Zu Recht, wie ich finde, denn der Schnitt ist schon sehr schön. Er hat viele Elemente eines typischen Parkas, also Reißverschluß, Druckknöpfe und eine Kapuze. Das typische Design von Kelly ist aber die Silhouette: ein eher körpernaher Schnitt mit geraffter Taille, und dann diese genialen Taschen mit der schrägen Taschenklappe.
Die Taschenklappe ist natürlich nur Fake, sie dient nicht zum Öffnen von irgendetwas. Bei meiner ersten Kellyversion fand ich das beim Nähen eher eigenartig und hatte mir eigenlich fest vorgenommen, das bei der nächsten Version zu ändern. Es wäre ja kein Problem, daraus eine richtige Taschenklappe zu machen,  diese Variante wird auch auf dem Blog von Closet Case besprochen. Dann wäre die Tasche auch bedeutend wasserdichter, denn so ist sie nach oben offen, und natürlich würde es hineinregenen, wenn man denn im Regen mit Kelly unterwegs wäre.

Ich hatte mir bei meiner Planung auch überlegt, diese ganze Tasche, die ja als aufgesetzte Tasche konstruiert ist (nennt sich glaube ich Blasebalgtasche) durch eine Paspeltasche zu ersetzen, oder eine Reißverschlußtasche.... Zum Glück habe ich alle diese Pläne nicht umgesetzt. Es ist so ein angenehmes Gefühl, mit den Händen in diese offenen Taschen hinein zu schlüpfen- deshalb gibt es auch kein Foto, auf dem meine Hände nicht in der Tasche sind .
Also, der Anorak hat Taschen. Er hat auch eine Kapuze, die freundlicherweise so gestaltet ist, daß sie recht weit nach vorn geht und auch ein Brillenträger Chancen auf einen gewissen Regenschutz  hat. Sie ist dreiteilig und sitzt vermutlich auch deswegen so gut.
Ich habe für meinen Herbstanorak einen wasserabweisenden Stoff gewählt. Es handelt sich um den Bibernylon von Stoff und Stil- ein Stoff, von dem ich nach wie vor begeistert bin . Es ist eine Mischung aus Nylon und Baumwolle mit einer beschichteten Seite, auf der das Wasser abperlen kann. Der Stoff ist nicht wasserfest wie für eine "richtige" Funktionsjacke, aber das muß er ja auch nicht sein. Ich habe nicht vor, in diesem Anorak eine längere Wanderung bei strömendem Regen zu unternehmen, denn dann würde ich wirklich meine Funktionsjacke anziehen.

Dieser Anorak ist für die Wetter-Unbillen des hiesigen Herbstes gedacht, und dafür hat er sich bisher gut bewährt. Wir hatten ja wirklich einige Regenschauer letzte Woche, bei denen ich die Kapuze gut testen konnte. Das Warmhaltevermögen ist auch gut, dank einer Zwischenschicht von Thinsulate, die ich zwischen Futter und Hauptstoff gebastelt habe. Alle Einzelheiten zur Materialauswahl hatte ich hier schon mal näher beschrieben.

Das Futter ist mein Lieblings-Detail an diesem Kelly-Anorak. Es ist ein Liberty-Stoff, der auf dunklem Hintergrund etliches Meeresgetier zeigt. Ich liebe Libertystoffe und kaufe sie immer wieder mal, meistens mit dem Gedanken, daraus Blusen oder Kleider zu nähen. Etliche davon enden allerdings bei mir als Futterstoffe- man mag das als Verschwendung bezeichnen, aber ich sehe es nicht so. Die Freude, die ich beim Anziehen eines solchermaßen gefüttertetn Kleidungsstückes habe, wiegt für mich alles andere auf. Und darin unterscheidet sich auch ein selbstgenähtes Kleidungsstück von der Konfektion, finde ich, daß man auf solche scheinbaren Nebensächlichkeiten wie ein Futter viel Liebe verwenden kann.

 Die Ärmel sind natürlich mit einem normalen Futterstoff aus dem Vorrat gefüttert, sonst flutscht es nicht beim Anziehen. Schwarzer Futterstoff wäre schöner gewesen, war aber nicht vorrätig, deshalb dunkelblau. Sieht ja zum Glück keiner, wenn man nicht gerade den Anorak mit der linken Seite nach außen auf die Schneiderpuppe hängt und diese in den Garten stellt.

Auf die Innentaschen war ich ja eigentlich sehr stolz, denn ich habe selten so perfekte Paspeltaschen produziert wie bei dieser Jacke. Leider ist die Lokalisation der Taschen zumindest gewöhnungsbedürftig...sie sind viel zu hoch gerutscht. Keine Ahnung, was ich mir bei der Planung gedacht hatte! Der Tascheneingriff ist jetzt kurz unterhalb meiner Schlüsselbeine...wie gesagt, gewöhungsbedürftig.

Das Futter, das eine eindeutige Richtung hat, habe ich verkehrt herum zugeschnitten, alle Meeresgetiere stehen jetzt Kopf. Das habe ich schon im letzten Beitrag des Novemberwetter-Sewalongs gebeichtet-zum Glück gab es so viele freundliche Kommentare dazu, ist vielleicht wirklich nicht so schlimm.

Das Thema des aktuellen Treffens des Novemberwetter-Sewalongs heißt ja eigentlich : " hilfe, bei mir reißt der Faden!" Nun, der Faden ist mir zumindest nicht gerissen bei meinem Nähprojekt, lediglich eine Nadel zerbrochen. Das lag aber daran, daß ich über den Metallreißverschluß genäht habe, war also keine Überraschung.

Das Nähen des Kelly-Anoraks ist nicht schwierig. Es gibt eine hervorragende Anleitung und dazu noch einen Sewalong auf der Website, da bleiben keine Fragen offen. Für das Futter gibt es einen Extra-Schnitt, den man dann allerdings auch kaufen muß.

Ich nähe ja ausgesprochen gerne Indie-Schnittmuster. Der Grund ist, wie ich mittlerweile einsehe, vor allem Bequemlichkeit. Natürlich gibt es in den einschlägigen Nähzeitschriften genauso wunderbare Schnitte, kein Schnittdesigner kann das Rad neu erfinden. Einen ähnlichen Parka wie Kelly gab es vor einigen Jahren in der Ottobre, wobei der Ottobre Schnitt dann doch nicht so schick war wie der von Closet Case...
Ich habe mir ja schon Gedanken gemacht, ob ich durch das häufige Nähen von Indie-Schnittmustern nicht zu verwöhnt werde. Man lernt schon mehr, wenn man sich durch unverständliche Knip- oder Burdaanleitungen durchkämpfen muß. Und so einen Jackenfutterschnitt selbst zu konstruieren, ist natürlich kein Hexenwerk, sondern dafür gibt es Anleitungen. Aber das kostet dann alles wieder Zeit, und das ist das, was mir im Augenblick das Wertvollste ist.

Und so ist der Plan, mal irgendwann, wenn ich beruflich weniger eingespannt bin, alle die tollen selbstkonstruierten Kleidungsstücke zu nähen, die mir so oft durch den Kopf gehen. Bis dahin halte ich mich einfach an die Indie-Schnitte!

Die Ärmel bei der gefütterten Kelly-Version sind übrigens weiter als die bei der ungefütterten Version, und die Armmanschetten wurden weggelassen. Beim Nähen hatte ich nur etwas Schwierigkeiten beim Verstürzen des Halssausschnittes mit der Kapuze, da hatten sich wohl die Kanten trotz Stütznaht etwas ausgedehnt. Ich hatte die Naht zweimal wieder aufgetrennt und dann die restlichen Fältchen gelassen- das soll einfach so.

Mein Anorak ist komplett mit Thinsulate gefüttert, darüber bin ich auch sehr glücklich. Er wärmt recht gut und ist vor allem sehr gut winddicht. Beim Fahrradfahren wurde er schon ausgiebig getestet, und ich fand ihn bei den jetzigen Temperaturen fast schon zu warm. Vielleicht schwitze ich auch deswegen leicht darin, weil die Zwischenschicht ja aus Polyester besteht. Aber alles besser, als beim Radeln zu frieren!

Das Thinsulate trägt natürlich auf, die Dicke von 0,7cm verschwindet nicht so ohne weiteres. Dadurch macht der Anorak nicht wirklich einen schlanken Fuß, aber im Novemberwetter kommt es darauf sicher nicht an.
Ich trage den Anorak seit seiner Fertigstellung übrigens jeden Tag und er bewährt sich hervorragend im Alltagsleben.
Unter dem Kelly-Anorak trug ich auf dieser Radtour ein Kleid nach dem Schnittmuster Heather von Sewoverit, das ich hier schon mal im Blog gezeigt habe. Ich mag das Kleid immer noch gerne, auch wenn ich die Paßform an mir nicht optimal finde. Im Alltag stört das erwartungsgemäß weder mich noch andere.
Und was hier noch zum Vorschein kommt, ein gestricktes Jäckchen, das wollte ich ja eigentlich gar nicht zeigen. Aber zum Schluß unserer Foto-Session am Main bat ich dann doch den Fotografen, noch einige Bilder von der Jacke zu machen, dieser Bitte kam er gerne nach.
Es ist eine schlichte glattgestrickte Jacke, das Modell heißt Kitten und ist aus dem Heft Smoulder  von Kim Hargreaves, die Wolle die originale im Heft empfohlene von Rowan.
Ich habe dieses Jäckchen schon vor langer, langer Zeit begonnen. Wann genau, kann ich nicht mehr sagen...aber es war ein Frühjahrsjäckche -Knitalong auf dem Memademittwoch, der mich damals zum Stricken animiert hatte. Der letzte MMM-Knitalong war 2015, wenn ich das richtig sehe, dann wäre meine Strickdauer 3 Jahre..oder war es der davor, der von 2014? Egal, es ist jedenfalls schon lange her.

Ich stricke durchaus nicht ungern, und vor einigen Jahrzehnten, so als Teenager habe ich auch viel und ganz gut gestrickt.  Aber die Gelegenheiten, bei denen ich früher gestrickt habe, also Fernsehen, Bahnfahrten und Chorproben, die fallen mittlerweile bei mir fast komplett weg. So machte das Jäckchen nur sehr, sehr langsam Fortschritte...ich hatte dann zwischendurch auch mal vergesssen, welche Größe ich eigentlich angeschlagen hatte, und bei einer Nachbestellung der Wolle mußte ich feststellen, daß die Farbe gar nicht mehr angeboten wurde (zum Glück gab es bei einem Onlinehändler noch Restbestände).

Aber sie ist fertig geworden! Zwischendurch habe ich ja auch daran gezweifelt, aber ich habe einfach immer wieder mal ein paar Reihen gestrickt, und so ging es zwar langsam aber stetig voran
Die Paßform der Jacke ist im Schulterbereich etwas eigenartig, aber irgendwie zieht sich das dann beim Tragen doch wieder ganz gut hin. Knöpfe habe ich noch nicht angenäht, da die Knopflöcher sehr klein geraten sind. Und offen gefällt sie mir sowieso besser.
Ich hatte die Jacke auf Instagram gezeigt, eigentlich mit dem Gedanken, mir einen Preis im  Team #langsamstricker zu sichern (ja, so Hashtags gibt es auf Instagram! auch den Hashtag #strickendauertewig habe ich nicht erfunden, der wurde schon vorher verwendet!)
Und ich war total überrascht von der großen positiven Resonanz, die dieses Jäckchen auf Instagram erzeugt hat. Also mit einer für mich großen Resonanz, denn ich gehöre natürlich nicht zu den Instagram-Stars, die ihre Follower in Tausenden messen und als Influenzer Werbeaufträge ausführen. Aber es gab so viele, viele liebe Kommentare, das ich wirklich überrascht war. Ich glaube ja, das lag nicht daran, daß die Jacke so toll ist, sondern die Sympathie habe ich durch die holprige Entstehungsgeschichte des Jäckchens erzeugt. Ich denke, daß wir alle durch diesen Optimierungs-Wahn in den sozialen Medien mittlerweile etwas gelangweilt sind...das wahre Leben ist nun mal kein perfektes Instagram-Flatlay- da kommen viel mehr Ecken, Kanten und Fehler vor, als sich irgendein Facebook-Account auch nur träumen läßt.

Also, stehen wir zu unseren Fehlern und Schwächen, und in sofern paßt ja das Thema des Novemberwettersewalongs ("hilfe, mir reißt der Faden!") ganz gut, das Frau Küstensocke für das aktuelle Treffen ausgegeben hat.
Ich verlinke diesen Beitrag mit dem Novemberwettersewalong von Frau Küstensocke und mit dem Memademittwoch,und freue mich auf viele andere Beiträge unserer so tollen Näh-Community!

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Kelly-Anorak: Stoffauswahl/Novemberwettersewalong

Beim 2. Treffen des Novemberwetter-Sewalongs fragt Frau Küstensocke nach unserer Stoffwahl für unsere geplanten Nähwerke im November. Erst der Stoff, dann der Schnitt, oder umgekehrt?
Eine sehr spannende Frage, finde ich. Ich glaube auch, daß es besser ist, zuerst den Stoff zu haben und dann nach einem Schnitt für diesen Stoff zu suchen. Meiner Meinung nach möchte jeder Stoff etwas bestimmtes werden, und das teilt er uns auch gerne mit, wenn wir ihm die Zeit lassen mit uns zu sprechen...
Meistens machen wir es aber anders herum, und auch bei meinem Kelly-Anorak hatte ich diesen Schnitt ja schon lange und ihn auch schon mal genäht.  Ich wollte jetzt eine etwas wetterfestere Version und habe dafür einen Stoff gesucht.

Ich habe mir viele verschiedene Stoffe angeschaut. Die ganz wasserfesten, also richtige Funktionsstoffe, gefielen mir nicht. Zu künstlich, zu sehr nach Plastik vom Anfassen, und die Farben auch meistens nicht nach meinem Geschmack. Und richtig wasserfest muß der Anorak ja auch nicht werden. Ich besitze natürlich eine (gekaufte) wasserfeste Outdoorjacke eines namhaften Herstellers (nein, nicht der mit der Wolfspfote!), die ich gerne auch weiterhin tragen werde, falls Aktivitäten bei Regenwetter geplant sind. Diesen Kellyanorak aber wünsche ich mir für den Alltag im Herbst und Winter, bei Wetterlagen, die windig und neblig sind, vielleicht auch mal ein kurzer Regenschauer. Und da reicht eine wasserabweisende Version natürlich völlig aus. Deshalb habe ich mir auch die Spielereien mit wasserdichtem Reißverschluß und Abdichten der Nähte gespart.
Meine Wahl fiel auf einen sogenannten Bibernylon von Stoff und Stil. Dieses Stoff hatte ich schon bei Frau Küstensocke verarbeitet gesehen, und mit Freude habe ich festgestellt, daß sie auch bei diesem Sewalong einen Mantel aus diesem Stoff näht.
Der Stoff ist angenehm:55% Baumwolle, 45%Nylon, man kann ihn waschen und bügeln. Er hat eine Twill-Bindung (vermute ich jedenfalls), die auf der matten linken Seite deutlich sichtbar ist. Die rechte Seite hat einen leichten Glanz. Übrigens sind beide Seiten wasserabweisend,  das ergab jedenfalls mein Tropfentest über dem  Spülbecken.
Ich habe mich für dunkelgrün entschieden, eine schöne warme Farbe. Und damit das ganze nicht zu sehr nach Jagdbekleidung aussieht, brauchte ich natürlich ein buntes Futter. Wie schön, daß im Stoffvorrat ein Libertybaumwollstoff lag, der auf schwarzem Grund alle möglichen Meerbewohner zeigt, von denen viele im gleichen Grün wie der Hauptstoff sind.

Beim Zuschneiden des Futter ist mir leider ein blöder Fehler passiert. Ich hatte mir den Stoff nicht genau genug angeschaut und dachte wohl irgendwie, daß die Meeresbewohner mehr oder weniger stilisiert dargestellt werden. Aber nein, wie oft bei den Libertystoffen ist der Druck sehr naturgetreu, und der Stoff hat eindeutig eine Richtung. Ich habe aber alle Teile konsequent verkehrt herum zugeschnitten! Den Seesternen und Muscheln mag das egal sein, aber ich weiß nicht, ob die Fische und die Schildkröten so gerne kopfüber schwimmen...egal, da müßen sie jetzt durch, es ist zugeschnitten und vernäht.
Zwischen Futter und Hauptstoff habe ich eine Schicht Thinsulate zum Wärmen verarbeitet. Thinsulate ist ein Polyestervlies,das sich dadurch auszeichnet, daß es dünn ist, nämlich nur 7mm.
Die Fasern dieses Vlieses sind sehr dünn sein, deshalb kann es dicht gepresst werden und soll eine gute Warmhaltfunktion haben. Es wird von vielen Outdoorherstellern für Bergkleidung, Schlafsäcke  und ähnliches verarbeitet.
Ich fand das Thinsulate angenehm zu verarbeiten. Es ist irgendwie sehr stabil in sich, aber dabei weich. Ich habe es so verarbeitet, daß ich die Futterteile sowohl aus Futterstoff als auch aus Thinsulate zugeschnitten habe, habe dann die beiden Teile zusammengeheftet und im folgenden wie eine Lage verarbeitet. Die Nähte hatte ich dann nochmal mit der Overlock versäubert, um die Nahtzugaben flach zu halten. Ob  das alles so richtig und sinnvoll war, weiß ich nicht...aber es hat bisher ganz gut funktioniert.
Die Ärmel sind übrigens mit normalem Futterstoff gefütter und genauso mit Thinsulate verstärkt.
Mein Kellyanorak hat auch Innentaschen, die sind im Originalschnitt nicht enthalten. Aber irgendein halbwegs wasserfester Aufbewahrungsort fürs Handy oder andere Preziosen musste schon sein.
Ich habe auf beiden Seiten ins Futter kleine Pattentaschen genäht.
Und was wäre ein  Anorak ohne entsprechende Druckknöpfe, Ösen und Kordeln? Bei meinem ersten Kellyanorak fand ich es recht mühsam, mir das ganze einzeln und farblich passend zusammen zu suchen. Diesmal habe ich den einfachen Weg gewählt und mir von Closet Case das Kelly-Anorak Hardware Paket bestellt. Da ist alles drin, was man so braucht. Reißverschluss und Kordel in schwarz, das paßte mir ganz gut. Das beste an diesem Paket sind die Instrumente zum Einschlagen der Knöpfe und Ösen. Bisher kannte ich nur die Prym-Druckknöpfe. Mit denen kam ich ganz gut zurecht, allerdings wird zum Einschlagen ein Plastikwerkzeug mitgeliefert, was bei mir immer schon nach den ersten Hammerschlägen den Geist aufgab.
Hier sind es Metall-Werkzeuge, also Stifte in verschiedenen Größen und ein süßer kleiner Metall-Amboß. Die Anleitung findet man auf dem Blog von Closet Case.
Ich vermute ja, daß man sich diese Metallteile auch irgendwo im Baumarkt zusammensuchen könnte- aber so war es natürlich viel einfacher und  zeitsparender für mich.
Und so macht mein Anorak weiter Fortschritte. Ich habe heute abend mal die Ärmel eingeheftet - die Anprobe war ganz vielversprechend. Ich hatte ja Bedenken, daß die gefütterten Ärmel entweder viel zu eng werden oder mir das Outfit eines Michelinmännchens verleihen- beides scheint nicht einzutreten.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

November-Sew-Along mit Kelly Anorak



Frau Küstensocke ruft zum November-Sewalong auf- sie möchte uns den trüben Monat mit gemeinsamem Nähen verschönern. Da bin ich doch gerne dabei!
Traditionell ist der November ein trüber Monat, regnerisch und neblig. Die Feiertage im November beziehen sich entweder aufs Totengedenken oder auf Büßen und Beten, so richtige Fröhlichkeit kommt da nicht auf.
Aber dieses Jahr ist alles anders. Erstens gibt es ein Bloggertreffen im November, und dann auch noch einen November-Sewalong- also was soll da noch schief gehen!
Das Bloggertreffen ist in Hamburg. Im November.
Frau Küstensocke plant einen warmen, wind- und wasserdichten Mantel in diesem Sewalong...oh oh, das läßt ja schon erkennen, was für ein Wetter die Hamburgerinnen für das Bloggertreffen bestellt haben!
Aber zum Glück habe ich ja auch schon ein wetterfestes Teil in Arbeit. Ich nähe gerade an einem zweiten Kelly-Anorak von Closet Case. Kelly hatte ich schon mal genäht, aus einem fliederfarbenen Twill. Ein bezauberndes Teil, mit viel Mühe und Liebe genäht, leider nicht so oft getragen, da überhaupt nicht wetterfest.
Also mein neuer Kelly-Anorak wird wasserabweisend, gefüttert und mit einer wärmenden Schicht aus Thinsulate versehen. Genaueres zu Stoff und Futter muß ich mir wohl für einen späteren Post aufheben, denn heute soll es ja eigentlich nur um die Planung gehen. Ich kann  nur schon so viel verraten, daß mir auch dieser Kelly-Anorak schon ausgesprochen gut gefällt. Es kommt mir allerdings schon merkwürdig vor, ein regendichtes Teil zu nähen, während draußen mein Garten nach Wasser lechzt...und bei der ersten Anprobe der gefütterten Kapuze bekam ich erst mal einen Schweißausbruch, kein Wunder bei 23° draußen.
Aber nun denn, der November wird kommen, und wenn ich im November morgens um 7 Uhr auf dem Hamburger Fischmarkt stehe, bin ich sicher froh über die wärmende  Kapuze!
Meine weitere Nähplanung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Eine Hose ist noch geplant für den Herbst, vielleicht die Lander-Pants von True Bias, oder Sasha von Closet Case.
Ein Pulli wäre auch noch schön, da ist doch gerade dieser hübsche Schnitt Elliot von Helens Closet erschienen. Oder doch lieber ein Kleid, z. B. Felix von Grainline?  Oder alles der Reihe nach nähen?
Ich schaue lieber erst mal, was die anderen so nähen, da gibt es sicher wieder viele Inspirationen.
 

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Berg Heil! Knipjerseykleid mit Blackwood Cardigan


Das Kleid Nr 5 aus der August-Knip resp. Fashion-Style hatte ich in meinem letzten Blog-Beitrag schon mal als Top gezeigt . Da mir das Shirt so gut gefiel, mußte ich natürlich auch noch die Kleiderversion nähen, obwohl mir die Kleider-Beispiele im Heft gar nicht so gut gefielen.
Der Schnitt selbst ist eigentlich sehr simpel und absolut typisch für die Knip: ein Taillenband , darüber ein an verschiedenen Stellen angekraustes Oberteil , darunter ein mäßig weit geschnittenes Rockteil. Man könnte auch noch Rüschen an die Ärmel nähen, oder ein Bändel an den Ausschnitt, der vorne einen kleinen senkrechten Schnitt hat, darauf hatte ich aber verzichtet und mich auf die schlichte Version beschränkt.


Vorderes und hinteres Rockteil werden nicht im Bruch zugeschnitten, sondern haben eine Mittelnaht. Dies soll wohl weniger der Stoffersparnis als vielmehr dem schöneren Fall des Rockes dienen, da der Fadenlauf nicht parallel zur vorderen oder hinteren Mitte ist, sondern um 45° versetzt. Ich weiß allerdings nicht ob das bei Jerseystoffen so die große Rolle spielt, zumal der Rock auch nicht so weit ist. Mich stört die Naht in der vorderen Mitte am fertigen Kleid etwas, vielleicht hätte ich auch einfach besser auf die Musteranpassung achten müssen. Auch in meinem wirren Muster aus Lotusblüten gibt es natürlich einen Rapport, der sich irgendwann wiederholt, aber das hatte ich beim Zuschneiden nicht beachtet.

Der Stoff ist ein Jersey aus Tencel, bezogen habe ich ihn von einer kleinen belgischen Firma, die freundlicherweise nicht nur fertige Kleidungsstücke, sondern auch die Stoffe dazu vertreibt.
Ich dachte ja bisher immer, daß Tencel fast das gleiche wie Modal wäre, ich hatte mir mal gemerkt, daß Tencel aus Eukalyptusholz und Modal aus Buche hergestellt wird.

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Tencel ist, genau wie Modal und auch Viskose, eine Regeneratfaser, die aus Holz hergestellt wird. Es handelt sich also absolut nicht um natürliche Fasern wie z.B. Baumwolle oder Seide, sondern um chemisch hergestellte Fasern aus einem natürlichen Ausgangsstoff, nämlich Holz. Der Einsatz der Chemie variiert allerdings beträchtlich zwischen den verschiedenen Fasern.
Die Viskoseherstellung liest sich auf Wikipedia wie ein Auszug aus einem Lehrbuch für organische Chemie, und genauso wenig verstehe ich natürlich die Einzelheiten. Verstanden habe ich allerdings, daß hier neben vielen anderen auch so unappetitliche Substanzen wie Natronlauge und Schwefelwasserstoff eingesetzt werden. Sicher gibt es Firmen, die das alles ganz ordentlich durchführen und die Abwässer korrekt entsorgen- aber ob das für alle Firmen z.B. in Fernost gilt?
Die Viskose ist übrigens schon im 19. Jahrhundert erfunden worden, also wahrlich keine moderne Faser.

Etwas moderner ist Modal, das wurde nämlich erstmals im Jahre 1951 in Japan hergestellt.
Modal wird überwiegend aus Buchenholz hergestellt und unterscheidet sich von Viskose vor allem durch den Faseraufbau, die Modalfaser hat einen höheren Polymersiationsgrad als normale Viskose. Dadurch wird eine erhöhte Stabilität auch im nassen Zustand erreicht, die Faser ist wunderbar weich und daraus gefertigte Stoffe haben einen schönen Fall.

Tencel, also das Material, aus dem ich das heutige Kleid zeige, ist ein eingetragenes Warenzeichen der Firma Lenzing in Österreich. Der Name der Faser ist Lyozell, entwickelt wurde sie zwischen 1990 und 1997. Als Lösungmittel für die Zellulose wird eine Substanz namens N-Methylmorpholin-N-Oxid verwendet- da das keiner aussprechen kann, wird meistens die Abkürzung NMMO verwendet. NMMO gilt als nicht umweltschädlich, und die Firma Lenzing hat ein Verfahren mit einem geschlossenen Kreislauf entwickelt, bei dem wohl wirklich so gut wie nichts von diesem NMMO in die Umwelt gelangt. Für dieses Verfahren erhielt Lenzing im Jahr 2000 den Europäischen Umweltpreis der Europäischen Union.


Wenn man sich über Tencel im Internet beliest, stößt man eigentlich nur auf Lobeshymnen dieses Materials. Das hat mich natürlich skeptisch gemacht, insbesondere da die Firma Lenzing ja wohl ein Monopol auf diese Faser besitzt. Aber man findet wirklich nichts negatives. Selbst Greenpeace äußert sich durchaus wohwollend über Tencel, lobt die nachhaltige Herstellung und die guten Trageeigenschaften. Die Eukalyptusbäume, aus denen die Zellulose für die Herstellung gewonnen wird, wachsen auf Plantagen in Südafrika, angelblich auf Gebieten, auf denen sonst nichts anderes wachsen würde. Zumindest benötigt die Herstellung von Tencel deutlich weniger Wasser als die von Baumwolle, und das ist ja auch schon mal gut.


Von den Trageeigenschaften würde ich mir nicht zutrauen, Tencel von Modal oder Viskose zu unterscheiden. Es sind ja alles wunderschön fließende und weiche Stoffe. Der Tenceljersey, den ich für mein Kleid vernäht habe, ist einfach ein genialer Stoff und fühlt sich an wie Seide.

Angeblich schwitzt man in Tencel deutlich weniger als in anderen Stoffen, da die Faser mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann und unmittelbar wieder an die Umgebung abgibt. Das hätte ich jetzt auf der durchaus schweißtreibenden Bergtour testen können, auf der diese Bilder entstanden sind. Die Wahrheit ist aber, daß ich für Anstieg und Abstieg zu diesem hübschen Plätzchen doch lieber eine Hose angezogen hatte, da der Weg mit etlichen Klettereien über Felsen verbunden war. Dafür war mir mein neues Kleid dann doch zu schade, und ich wollte auch nicht unbedingt die Reißfestigkeit von Tencel bei dieser Tour testen..

Auch die Jacke, die ich zu meinem Kleid genäht habe, fällt nicht so unbedingt unter die Kategorie der bergtauglichen Kleidungsstücke. Der Stoff, ein Polyester/Baumwollgemisch, war ein typischer Spontankauf im örtlichen Stoffgeschäft. Ich war von der Farbe, einem nude-rosa-meliert, und der Haptik des Stoffes begeistert. Ja, die bösen Polyesterfasern sind auch so schön weich und plustrig, diesem Stoff konnte ich einfach nicht widerstehen.

Genäht habe ich den Blackwood-Cardigan von Helens Closet, der schon ganz lange auch meiner to-sew-Liste stand. Und es ist wirklich ein schöner Schnitt: ein ganz schlichter Cardigan, eng geschnitten, mit Vorderteilen, die sich nicht überlappen und offen getragen werden. Ich mag den Schnitt gerne, der ruft direkt nach einer Wiederholung!

Die Kombination mit dem Kleid fand ich dann aber doch nicht so ganz gelungen. Ich glaube , der Cardigan ist zu lang für das Kleid, und so hat die Kombination für mich etwas Trutschiges. Besser gefällt mir der Blackwood, wenn ich ihn zu einer Jeans kombiniere, wie hier zur   Pinda- Jeans von Waffel Pattern (hier schon mal gezeigt)

Wie auch immer, sicher werden sich noch viele andere Kombinationsmöglichkeiten sowohl für Kleid als auch noch für die Jacke finden.
Katharina zeigt uns heute eine sehr gelungene Kombination ihrer Herbstgarderobe, bei der alles vertreten ist, vom Konzertkleid bis zum passenden BH. Und alle anderen Kombinationen finden sich auf der Galerie des Memademittwoch, bitte hier entlang!
verlinkt : Afterworksewing