Mittwoch, 17. Oktober 2018

Kelly-Anorak: Stoffauswahl/Novemberwettersewalong

Beim 2. Treffen des Novemberwetter-Sewalongs fragt Frau Küstensocke nach unserer Stoffwahl für unsere geplanten Nähwerke im November. Erst der Stoff, dann der Schnitt, oder umgekehrt?
Eine sehr spannende Frage, finde ich. Ich glaube auch, daß es besser ist, zuerst den Stoff zu haben und dann nach einem Schnitt für diesen Stoff zu suchen. Meiner Meinung nach möchte jeder Stoff etwas bestimmtes werden, und das teilt er uns auch gerne mit, wenn wir ihm die Zeit lassen mit uns zu sprechen...
Meistens machen wir es aber anders herum, und auch bei meinem Kelly-Anorak hatte ich diesen Schnitt ja schon lange und ihn auch schon mal genäht.  Ich wollte jetzt eine etwas wetterfestere Version und habe dafür einen Stoff gesucht.

Ich habe mir viele verschiedene Stoffe angeschaut. Die ganz wasserfesten, also richtige Funktionsstoffe, gefielen mir nicht. Zu künstlich, zu sehr nach Plastik vom Anfassen, und die Farben auch meistens nicht nach meinem Geschmack. Und richtig wasserfest muß der Anorak ja auch nicht werden. Ich besitze natürlich eine (gekaufte) wasserfeste Outdoorjacke eines namhaften Herstellers (nein, nicht der mit der Wolfspfote!), die ich gerne auch weiterhin tragen werde, falls Aktivitäten bei Regenwetter geplant sind. Diesen Kellyanorak aber wünsche ich mir für den Alltag im Herbst und Winter, bei Wetterlagen, die windig und neblig sind, vielleicht auch mal ein kurzer Regenschauer. Und da reicht eine wasserabweisende Version natürlich völlig aus. Deshalb habe ich mir auch die Spielereien mit wasserdichtem Reißverschluß und Abdichten der Nähte gespart.
Meine Wahl fiel auf einen sogenannten Bibernylon von Stoff und Stil. Dieses Stoff hatte ich schon bei Frau Küstensocke verarbeitet gesehen, und mit Freude habe ich festgestellt, daß sie auch bei diesem Sewalong einen Mantel aus diesem Stoff näht.
Der Stoff ist angenehm:55% Baumwolle, 45%Nylon, man kann ihn waschen und bügeln. Er hat eine Twill-Bindung (vermute ich jedenfalls), die auf der matten linken Seite deutlich sichtbar ist. Die rechte Seite hat einen leichten Glanz. Übrigens sind beide Seiten wasserabweisend,  das ergab jedenfalls mein Tropfentest über dem  Spülbecken.
Ich habe mich für dunkelgrün entschieden, eine schöne warme Farbe. Und damit das ganze nicht zu sehr nach Jagdbekleidung aussieht, brauchte ich natürlich ein buntes Futter. Wie schön, daß im Stoffvorrat ein Libertybaumwollstoff lag, der auf schwarzem Grund alle möglichen Meerbewohner zeigt, von denen viele im gleichen Grün wie der Hauptstoff sind.

Beim Zuschneiden des Futter ist mir leider ein blöder Fehler passiert. Ich hatte mir den Stoff nicht genau genug angeschaut und dachte wohl irgendwie, daß die Meeresbewohner mehr oder weniger stilisiert dargestellt werden. Aber nein, wie oft bei den Libertystoffen ist der Druck sehr naturgetreu, und der Stoff hat eindeutig eine Richtung. Ich habe aber alle Teile konsequent verkehrt herum zugeschnitten! Den Seesternen und Muscheln mag das egal sein, aber ich weiß nicht, ob die Fische und die Schildkröten so gerne kopfüber schwimmen...egal, da müßen sie jetzt durch, es ist zugeschnitten und vernäht.
Zwischen Futter und Hauptstoff habe ich eine Schicht Thinsulate zum Wärmen verarbeitet. Thinsulate ist ein Polyestervlies,das sich dadurch auszeichnet, daß es dünn ist, nämlich nur 7mm.
Die Fasern dieses Vlieses sind sehr dünn sein, deshalb kann es dicht gepresst werden und soll eine gute Warmhaltfunktion haben. Es wird von vielen Outdoorherstellern für Bergkleidung, Schlafsäcke  und ähnliches verarbeitet.
Ich fand das Thinsulate angenehm zu verarbeiten. Es ist irgendwie sehr stabil in sich, aber dabei weich. Ich habe es so verarbeitet, daß ich die Futterteile sowohl aus Futterstoff als auch aus Thinsulate zugeschnitten habe, habe dann die beiden Teile zusammengeheftet und im folgenden wie eine Lage verarbeitet. Die Nähte hatte ich dann nochmal mit der Overlock versäubert, um die Nahtzugaben flach zu halten. Ob  das alles so richtig und sinnvoll war, weiß ich nicht...aber es hat bisher ganz gut funktioniert.
Die Ärmel sind übrigens mit normalem Futterstoff gefütter und genauso mit Thinsulate verstärkt.
Mein Kellyanorak hat auch Innentaschen, die sind im Originalschnitt nicht enthalten. Aber irgendein halbwegs wasserfester Aufbewahrungsort fürs Handy oder andere Preziosen musste schon sein.
Ich habe auf beiden Seiten ins Futter kleine Pattentaschen genäht.
Und was wäre ein  Anorak ohne entsprechende Druckknöpfe, Ösen und Kordeln? Bei meinem ersten Kellyanorak fand ich es recht mühsam, mir das ganze einzeln und farblich passend zusammen zu suchen. Diesmal habe ich den einfachen Weg gewählt und mir von Closet Case das Kelly-Anorak Hardware Paket bestellt. Da ist alles drin, was man so braucht. Reißverschluss und Kordel in schwarz, das paßte mir ganz gut. Das beste an diesem Paket sind die Instrumente zum Einschlagen der Knöpfe und Ösen. Bisher kannte ich nur die Prym-Druckknöpfe. Mit denen kam ich ganz gut zurecht, allerdings wird zum Einschlagen ein Plastikwerkzeug mitgeliefert, was bei mir immer schon nach den ersten Hammerschlägen den Geist aufgab.
Hier sind es Metall-Werkzeuge, also Stifte in verschiedenen Größen und ein süßer kleiner Metall-Amboß. Die Anleitung findet man auf dem Blog von Closet Case.
Ich vermute ja, daß man sich diese Metallteile auch irgendwo im Baumarkt zusammensuchen könnte- aber so war es natürlich viel einfacher und  zeitsparender für mich.
Und so macht mein Anorak weiter Fortschritte. Ich habe heute abend mal die Ärmel eingeheftet - die Anprobe war ganz vielversprechend. Ich hatte ja Bedenken, daß die gefütterten Ärmel entweder viel zu eng werden oder mir das Outfit eines Michelinmännchens verleihen- beides scheint nicht einzutreten.

Mittwoch, 10. Oktober 2018

November-Sew-Along mit Kelly Anorak



Frau Küstensocke ruft zum November-Sewalong auf- sie möchte uns den trüben Monat mit gemeinsamem Nähen verschönern. Da bin ich doch gerne dabei!
Traditionell ist der November ein trüber Monat, regnerisch und neblig. Die Feiertage im November beziehen sich entweder aufs Totengedenken oder auf Büßen und Beten, so richtige Fröhlichkeit kommt da nicht auf.
Aber dieses Jahr ist alles anders. Erstens gibt es ein Bloggertreffen im November, und dann auch noch einen November-Sewalong- also was soll da noch schief gehen!
Das Bloggertreffen ist in Hamburg. Im November.
Frau Küstensocke plant einen warmen, wind- und wasserdichten Mantel in diesem Sewalong...oh oh, das läßt ja schon erkennen, was für ein Wetter die Hamburgerinnen für das Bloggertreffen bestellt haben!
Aber zum Glück habe ich ja auch schon ein wetterfestes Teil in Arbeit. Ich nähe gerade an einem zweiten Kelly-Anorak von Closet Case. Kelly hatte ich schon mal genäht, aus einem fliederfarbenen Twill. Ein bezauberndes Teil, mit viel Mühe und Liebe genäht, leider nicht so oft getragen, da überhaupt nicht wetterfest.
Also mein neuer Kelly-Anorak wird wasserabweisend, gefüttert und mit einer wärmenden Schicht aus Thinsulate versehen. Genaueres zu Stoff und Futter muß ich mir wohl für einen späteren Post aufheben, denn heute soll es ja eigentlich nur um die Planung gehen. Ich kann  nur schon so viel verraten, daß mir auch dieser Kelly-Anorak schon ausgesprochen gut gefällt. Es kommt mir allerdings schon merkwürdig vor, ein regendichtes Teil zu nähen, während draußen mein Garten nach Wasser lechzt...und bei der ersten Anprobe der gefütterten Kapuze bekam ich erst mal einen Schweißausbruch, kein Wunder bei 23° draußen.
Aber nun denn, der November wird kommen, und wenn ich im November morgens um 7 Uhr auf dem Hamburger Fischmarkt stehe, bin ich sicher froh über die wärmende  Kapuze!
Meine weitere Nähplanung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Eine Hose ist noch geplant für den Herbst, vielleicht die Lander-Pants von True Bias, oder Sasha von Closet Case.
Ein Pulli wäre auch noch schön, da ist doch gerade dieser hübsche Schnitt Elliot von Helens Closet erschienen. Oder doch lieber ein Kleid, z. B. Felix von Grainline?  Oder alles der Reihe nach nähen?
Ich schaue lieber erst mal, was die anderen so nähen, da gibt es sicher wieder viele Inspirationen.
 

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Berg Heil! Knipjerseykleid mit Blackwood Cardigan


Das Kleid Nr 5 aus der August-Knip resp. Fashion-Style hatte ich in meinem letzten Blog-Beitrag schon mal als Top gezeigt . Da mir das Shirt so gut gefiel, mußte ich natürlich auch noch die Kleiderversion nähen, obwohl mir die Kleider-Beispiele im Heft gar nicht so gut gefielen.
Der Schnitt selbst ist eigentlich sehr simpel und absolut typisch für die Knip: ein Taillenband , darüber ein an verschiedenen Stellen angekraustes Oberteil , darunter ein mäßig weit geschnittenes Rockteil. Man könnte auch noch Rüschen an die Ärmel nähen, oder ein Bändel an den Ausschnitt, der vorne einen kleinen senkrechten Schnitt hat, darauf hatte ich aber verzichtet und mich auf die schlichte Version beschränkt.


Vorderes und hinteres Rockteil werden nicht im Bruch zugeschnitten, sondern haben eine Mittelnaht. Dies soll wohl weniger der Stoffersparnis als vielmehr dem schöneren Fall des Rockes dienen, da der Fadenlauf nicht parallel zur vorderen oder hinteren Mitte ist, sondern um 45° versetzt. Ich weiß allerdings nicht ob das bei Jerseystoffen so die große Rolle spielt, zumal der Rock auch nicht so weit ist. Mich stört die Naht in der vorderen Mitte am fertigen Kleid etwas, vielleicht hätte ich auch einfach besser auf die Musteranpassung achten müssen. Auch in meinem wirren Muster aus Lotusblüten gibt es natürlich einen Rapport, der sich irgendwann wiederholt, aber das hatte ich beim Zuschneiden nicht beachtet.

Der Stoff ist ein Jersey aus Tencel, bezogen habe ich ihn von einer kleinen belgischen Firma, die freundlicherweise nicht nur fertige Kleidungsstücke, sondern auch die Stoffe dazu vertreibt.
Ich dachte ja bisher immer, daß Tencel fast das gleiche wie Modal wäre, ich hatte mir mal gemerkt, daß Tencel aus Eukalyptusholz und Modal aus Buche hergestellt wird.

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Tencel ist, genau wie Modal und auch Viskose, eine Regeneratfaser, die aus Holz hergestellt wird. Es handelt sich also absolut nicht um natürliche Fasern wie z.B. Baumwolle oder Seide, sondern um chemisch hergestellte Fasern aus einem natürlichen Ausgangsstoff, nämlich Holz. Der Einsatz der Chemie variiert allerdings beträchtlich zwischen den verschiedenen Fasern.
Die Viskoseherstellung liest sich auf Wikipedia wie ein Auszug aus einem Lehrbuch für organische Chemie, und genauso wenig verstehe ich natürlich die Einzelheiten. Verstanden habe ich allerdings, daß hier neben vielen anderen auch so unappetitliche Substanzen wie Natronlauge und Schwefelwasserstoff eingesetzt werden. Sicher gibt es Firmen, die das alles ganz ordentlich durchführen und die Abwässer korrekt entsorgen- aber ob das für alle Firmen z.B. in Fernost gilt?
Die Viskose ist übrigens schon im 19. Jahrhundert erfunden worden, also wahrlich keine moderne Faser.

Etwas moderner ist Modal, das wurde nämlich erstmals im Jahre 1951 in Japan hergestellt.
Modal wird überwiegend aus Buchenholz hergestellt und unterscheidet sich von Viskose vor allem durch den Faseraufbau, die Modalfaser hat einen höheren Polymersiationsgrad als normale Viskose. Dadurch wird eine erhöhte Stabilität auch im nassen Zustand erreicht, die Faser ist wunderbar weich und daraus gefertigte Stoffe haben einen schönen Fall.

Tencel, also das Material, aus dem ich das heutige Kleid zeige, ist ein eingetragenes Warenzeichen der Firma Lenzing in Österreich. Der Name der Faser ist Lyozell, entwickelt wurde sie zwischen 1990 und 1997. Als Lösungmittel für die Zellulose wird eine Substanz namens N-Methylmorpholin-N-Oxid verwendet- da das keiner aussprechen kann, wird meistens die Abkürzung NMMO verwendet. NMMO gilt als nicht umweltschädlich, und die Firma Lenzing hat ein Verfahren mit einem geschlossenen Kreislauf entwickelt, bei dem wohl wirklich so gut wie nichts von diesem NMMO in die Umwelt gelangt. Für dieses Verfahren erhielt Lenzing im Jahr 2000 den Europäischen Umweltpreis der Europäischen Union.


Wenn man sich über Tencel im Internet beliest, stößt man eigentlich nur auf Lobeshymnen dieses Materials. Das hat mich natürlich skeptisch gemacht, insbesondere da die Firma Lenzing ja wohl ein Monopol auf diese Faser besitzt. Aber man findet wirklich nichts negatives. Selbst Greenpeace äußert sich durchaus wohwollend über Tencel, lobt die nachhaltige Herstellung und die guten Trageeigenschaften. Die Eukalyptusbäume, aus denen die Zellulose für die Herstellung gewonnen wird, wachsen auf Plantagen in Südafrika, angelblich auf Gebieten, auf denen sonst nichts anderes wachsen würde. Zumindest benötigt die Herstellung von Tencel deutlich weniger Wasser als die von Baumwolle, und das ist ja auch schon mal gut.


Von den Trageeigenschaften würde ich mir nicht zutrauen, Tencel von Modal oder Viskose zu unterscheiden. Es sind ja alles wunderschön fließende und weiche Stoffe. Der Tenceljersey, den ich für mein Kleid vernäht habe, ist einfach ein genialer Stoff und fühlt sich an wie Seide.

Angeblich schwitzt man in Tencel deutlich weniger als in anderen Stoffen, da die Faser mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann und unmittelbar wieder an die Umgebung abgibt. Das hätte ich jetzt auf der durchaus schweißtreibenden Bergtour testen können, auf der diese Bilder entstanden sind. Die Wahrheit ist aber, daß ich für Anstieg und Abstieg zu diesem hübschen Plätzchen doch lieber eine Hose angezogen hatte, da der Weg mit etlichen Klettereien über Felsen verbunden war. Dafür war mir mein neues Kleid dann doch zu schade, und ich wollte auch nicht unbedingt die Reißfestigkeit von Tencel bei dieser Tour testen..

Auch die Jacke, die ich zu meinem Kleid genäht habe, fällt nicht so unbedingt unter die Kategorie der bergtauglichen Kleidungsstücke. Der Stoff, ein Polyester/Baumwollgemisch, war ein typischer Spontankauf im örtlichen Stoffgeschäft. Ich war von der Farbe, einem nude-rosa-meliert, und der Haptik des Stoffes begeistert. Ja, die bösen Polyesterfasern sind auch so schön weich und plustrig, diesem Stoff konnte ich einfach nicht widerstehen.

Genäht habe ich den Blackwood-Cardigan von Helens Closet, der schon ganz lange auch meiner to-sew-Liste stand. Und es ist wirklich ein schöner Schnitt: ein ganz schlichter Cardigan, eng geschnitten, mit Vorderteilen, die sich nicht überlappen und offen getragen werden. Ich mag den Schnitt gerne, der ruft direkt nach einer Wiederholung!

Die Kombination mit dem Kleid fand ich dann aber doch nicht so ganz gelungen. Ich glaube , der Cardigan ist zu lang für das Kleid, und so hat die Kombination für mich etwas Trutschiges. Besser gefällt mir der Blackwood, wenn ich ihn zu einer Jeans kombiniere, wie hier zur   Pinda- Jeans von Waffel Pattern (hier schon mal gezeigt)

Wie auch immer, sicher werden sich noch viele andere Kombinationsmöglichkeiten sowohl für Kleid als auch noch für die Jacke finden.
Katharina zeigt uns heute eine sehr gelungene Kombination ihrer Herbstgarderobe, bei der alles vertreten ist, vom Konzertkleid bis zum passenden BH. Und alle anderen Kombinationen finden sich auf der Galerie des Memademittwoch, bitte hier entlang!
verlinkt : Afterworksewing

Mittwoch, 5. September 2018

Boyfriend-Shorts nach Sebastian Hoofs


Heute zeige ich eine Shorts nach einem Schnitt aus dem Buch "Männerkleidung nähen" von Sebastian Hoofs. Nein, das ist kein Versuch, die Regeln des Memademittwoch zu unterlaufen, mir ist schon klar, daß zum MMM nur selbstgenähte Damenkleidung gezeigt werden darf. Diese Hose ist jetzt wirklich in meinem Besitz und wird von mir getragen. Wie es dazu kam, möchte ich im folgenden Beitrag erzählen.

Es gibt ja wenig schöne Schnittmuster für Männer, und so habe ich mich sehr gefreut, als im letzten Jahr das Buch "Männerkleidung nähen" von Sebastian Hoofs erschien. Ich hatte Sebastian Hoofs beim Bloggertreffen in Köln kennen gelernt und war absolut angetan von ihm, von seinem Wissen und vor allem mit der freundlichen Art, wie er mit uns Amateurnäherinnen umgeht. Ich hatte mir das Buch von meinem Mann zu Weihnachten gewünscht, erwartungsgemäß auch bekommen, und so wurden bald die ersten Nähpläne geschmiedet.
Das Buch ist absolut hochwertig gestaltet, es enthält wunderschöne Bilder, die auch die genähten Modelle gut zeigen. Man merkt, daß hier viel Arbeit hinein gesteckt wurde. Die Modelle sind eher leger, aber alle ausgesprochen schick. Mir gefallen eigentlich alle Schnitte im Buch, mein Mann war etwas kritischer, aber  eine kurze Hose fand sofort Gnade vor seinen Augen.

Ich hatte für meinen Mann vor Jahren schon mal eine kurze Hose genäht, nach einem Knip-Schnitt. Diese Hose wurde geliebt und abgetragen, mußte also ersetzt werden. Und so nähte ich die kurze Hose aus dem Buch, sobald sich ein zeitliches Näh-Fenster ergab, also im August. Ähem, ja, das Buch ist seit Dezember 2017 in meinem Besitz, aber manche Dinge dauern einfach länger!
Der Mann wurde vermessen und paßte recht gut nach der Größenangaben der Tabelle im Buch in Gr. 48. Da er auch sonst die Kaufgröße 48 trägt, war das nicht überraschend für mich.
Also wurde der Schnitt in Gr. 48 abgepaust. Ich pause ungerne Schnitte ab, bin vielleicht auch verwöhnt durch die vielen Indie-Schnitte, die ich nähe. Aber ich fand die Linien schon schwer zu erkennen. Der Schnittmusterbogen ist zwar zweifarbig, aber nur, um mehr Schnittteile auf einem Bogen unterbringen zu können. Es gibt vier verschiedene Hosenmodelle, die alle von einem Schnitt abgewandelt sind und alle auf einem Schnittmusterbogen untergebracht sind. Verwirrend fand ich vor allem die Linien für die Taschen im Vorderteil, denn hier sind die verschiedenen Tascheneingriffe alle in einem Schnitt eingezeichnet. Auch die Taschenbeutel sind in diesem Schnittteil enthalten, obwohl es noch ein Extraschnitteil für die Taschenbeutel und -spiegel gibt. Ich fand das alles auf den ersten Blick sehr unübersichtlich. Paßzeichen enthält der Schnitt nicht, auch keine Linien zur Verlängerung.

Nachdem diese Hürde bewältigt war, ging es ans Nähen. Die Shorts sind im Chino-Stil , also im Vorderteil schräge Eingriffstaschen, im Rücken Paspeltaschen. Die Anleitung ist knapp, ich habe sie nicht gut verstanden und habe für die Paspeltaschen dann lieber eine Anleitung von ClosetCase verwendet, mit der ich gut zurecht komme. Auch den Hosenschlitz habe ich nach der bewährten Anleitung für die Ginger Jeans genäht , mir war auch ein Reißverschluss lieber als der Knopfverschluss, der im Originalschnitt vorgesehen war.
Schon beim Nähen kamen mir Bedenken, was die Größe des genähten Teiles anging. Das Buch enthält keine Maße des fertigen Teiles, und so hatte ich mich vertrauensvoll auf die Größentabelle verlassen und nicht mehr nachgemessen. Und mein Eindruck war richtig- nachdem ich die Seitennähte zusammengeheftet  und den Bund angeheftet hatte, versuchten wir eine erste Anprobe, und die Hose war viel zu klein.

Was war das Problem, hatte ich falsch zugeschnitten, die Nahtzugabe vergessen oder mit falscher Nahtzugabe genäht? Nichst von alledem. Der Schnitt ist wohl sehr körperbetont gedacht- oder ist  er eher für dehnbare Stoffe konzipiert? Eines der gezeigten Modelle in dem Buch ist aus Sweatstoff, auch hier wird der gleiche Schnitt verwendet. Wenn ich die obere Bundkante in Gr. 48 im Schnitt ausmesse, komme ich auf 87 cm. Gr 48 hat laut Maßtabelle einen Taillenumfang 84 cm. Selbst wenn die Hose in der Taille sitzen würde, hätte ich hier eine Bequemlichkeitszugabe von nur 3 cm, das ist schon sehr wenig. Und der Hosenbund sitzt natürlich viel tiefer- die Schritthöhe der Hose ist  ca 22 cm, sitzt also eher etwas auf der Hüfte, was ja eigentlich sehr schick ist. Sicher ist ein Mann auch gerader gebaut als eine Frau, aber auch bei einem Mann ist der Hüftumfang größer als der Taillenumfang, und wenn die Hose auf der halben Strecke zwischen Taille und Hüfte sitzt, ist der Leibesumfang dort größer.
Sehr irritierend fand ich auch die Angabe, wie der Bundstreifen zugeschnitten werden sollte. Erwähnt wurde hier die Bundweite, als 86,4 cm in Gr. 48, die Nahtzugabe von 2 cm sollte zugegeben werden- aber daß der Untertritt nochmals 3 cm Länge erfordert, wurde nicht mehr explizit erwähnt. Für den Profi mag das klar sein, aber für mich als Laie war das schwer verständlich.

Mein Fehler war also, daß ich mich auf die Größenangaben der Körpermaße verlassen hatte und nicht nach den Maßen des Schnittes geschaut habe. Ich hätte Größe 50 oder 52 wählen müssen, um eine gut passende Weite zu erreichen, so war das Modell dann eindeutig zu klein geraten. Eine Änderung war nicht möglich, auch wenn man die Nahtzugaben maximal ausgereizt hätte.
Ich habe dann für meinen Mann eine neue Hose genäht, die ich letzte Woche hier im Blog gezeigt habe. Dafür hatte ich meinen alten Knipschnitt als Grundlage genommen, ihn verlängert und die schön geschwungenen  Vorderteiltaschen von der Hoofs-Hose eingebaut. Diese Hose wurde dann sehr schön, passt dem Mann gut und wird gerne getragen, also alles gut.

Aber die zu klein geratene Shorts lag dann natürlich immer noch auf dem Nähtisch. Ich wollte sie schon als Probe- und Übeteil entsorgen, fand sie aber dann doch zu schade dafür. Für die Taschen hatte ich als Innenfutter einen Baumwollstoff von Atelier Brunette genommen, schon deshalb hätte es mir sehr leid getan, dieses Teil nicht zu verwerten.

Probehalber zog ich dann die zusammengehefteten Shorts selbst an- und siehe da, das war gar nicht so schlecht! Sie waren etwas zu weit, aber das war über die Seitennähte gut zu regulieren. Natürlich war die Schrittkurve nicht optimal, aber die war schon abgesteppt und ich wollte sie nicht mehr auftrennen.

Insgesamt sitzt die Hose etwas weiter, als ich sonst meine Hosen nähe, und hat sicher keine optimale Paßform im Schrittbereich. Aber dafür ist sie sehr bequem, und in den letzten Tagen, die ja auch wieder warm waren, habe ich sie gerne getragen. Ich mache ja oft die Erfahrung, daß sich genähte Teile, in die ich gar nicht so die großen Erwartungen gesteckt habe, nachher als Renner im Kleiderschrank entpuppen.
Und so könnte es mit dieser Hose auch werden, denn der Schnitt ist eigentlich sehr schön, insbesondere diese ganz diskret geschwungenen Taschen im Vorderteil sind einfach schick. Ich hatte den Schnitt übrigens um einige cm verlängert, da sie ja eigentlich für meinen Mann gedacht waren. Bei mir haben sie jetzt eine Bermuda-Länge, schicker finde ich es, wenn die Hosenbeine wie auf den Bildern aufgekrempelt sind.
Ich weiß nicht, ob ich dem Schnitt für eine Herrenhose noch mal eine Chance geben werde. Es ist schon viel Arbeit mit so einer Hose, und wenn sie dann nachher nicht paßt, ist die Enttäuschung auf allen Seiten groß. Aber das Buch enthält auch noch etliche andere sehr schöne Schnitte, unter anderem sehr schicke Hemden...wenn die dann auch zu klein werden, trage ich sie gerne auf...

Das Top, das ich zur Hose trage, ist nach einem Knip oder Fashionstyle-Schnitt genäht. Es ist im diesjährigen Augustheft erschienen, als Top Nr. 6. Ich besitze ja nun schon etliche Jahrgänge Knip, und bin immer wieder überrascht, daß es den Machern der Zeitschrift immer noch gelingt, neue und vor allem interessante Jerseyschnitte zu machen. Dieser Schnitt hat das Knip-typische Taillenband, das sich in diesem Fall zur vorderen Mitte hin etwas verbreitert. Das Oberteil ist am Halsbündchen und auch an der  Taille  etwas eingekraust. In der Mitte gibt es naoch unter dem Halsbündchen einen neckischen Schlitz, der auf den Bildern aber fast nicht sichtbar ist. Wie alle Knipschnitte fällt es eher weit aus. Ich habe Gr 36 genäht und nachher noch an den Seitennähten jeweils etwa 1 cm herausgenommen.

 Mein Jersey hat aber sehr von der dehnbaren Sorte, es ist ein Libertyviscosejersey mit einer Dehnbarkeit von mindestens 40%. Liberty macht ja nicht nur die bekannten Baumwollstoffe, sondern auch sehr schöne Jerseys, die es immer wieder mal bei verschiedenen Onlineshops gibt, ich weiß nicht mehr genau, wo ich diesen bezogen hatte. Die Qualität der Libertyjerseys ist sehr gut- schade nur, daß es sich um bedruckte Stoffe handelt und die Rückseite weiß ist.  Aber bei diesem Shirt stört das nicht weiter.
Wie meistens in der Knip gibt es das Modell sowohl als Shirt als auch als Kleid. Die im Heft gezeigten Kleider nach diesem Schnitt überzeugen mich nicht, das mag aber auch an den verwendeteten Stoffen liegen. Mir gefällt das Shirt so gut, daß ich sicher auch noch mal dem Kleiderschnitt eine Chance geben werde. Allerdings könnte es gut sein, daß ich bei den Linkparties diese Woche noch so viele andere Inspirationen bekomme, daß die Nähliste wieder mal aufs Unendliche anwächst. Wie z.B. Dodos Rock, mit dem sie heute auf dem MMM vortanzt, so ein schönes Teil!
verlinkt bei Memademittwoch , Afterworksewing, Sewlala

Mittwoch, 29. August 2018

Herren-Shorts nach einem Knip-Schnitt

Ich nähe ja am liebsten für mich. Das hat größtenteils egoistische Gründe: ich trage gern Selbstgenähtes, mag auch gern immer wieder mal was neues- also muß ich ich viel für mich nähen, um diesen beiden Ansprüchen gerecht zu werden. Und das tolle und umfangreiche Angebot, das wir mittlerweile im Bereich der Damenschnittmuster haben, trägt nicht gerade dazu bei, daß meine To-Sew-Liste im Bereich des Selfish-Sewings irgendwann abgearbeitet ist.

Nähen für andere ist auch mit Problemen behaftet. Das Hauptproblem ist, finde ich, daß derjenige, der benäht wird, es gar nicht zu schätzen weiß, was wir ihm da Gutes tun. Vielleicht gefällt es ihm auch nicht, oder es paßt nicht, und dann landen die genähten Sachen im Altkleidersack oder im Müll...oder noch schlimmer, die benähte Person weiß zwar den Wert der Näharbeit zu schätzen, aber das Teil gefällt nicht, und wohin dann damit? Ich hatte ein ähnliches Problem, als mit eine Bekannte (es war wirklich nur eine Bekannte, also keine Freundin oder so) mir mal ein selbstgemaltes Ölgemälde schenkte, Größe 80x 80 cm....ich fand es schön, handwerklich gut gemacht, aber aufhängen wollte ich es zuhause dann doch nicht. Zum Glück fand sich dann an meinem Arbeitsplatz ein Eckchen, in dem das Bild heute noch schön hängt und durchaus für Freude sorgt.
Also, Nähen für Andere ist nicht so meins. Die einzige Ausnahme, die ich mache, ist das Nähen für meinen Mann, denn das mache ich richtig gerne...natürlich nur, wenn ich gerade Zeit dafür habe und nicht grade was für mich nähen muß. Mein Mann liebt die selbstgenähten Klamotten, die ich für ihn mache, er weiß die Arbeit zu schätzen und die Paßform ist auch nicht so schwierig bei ihm, da er mit den üblichen Konfektionsgrößen auch gut zurecht kommt.

Ich zeige heute eine Shorts, die nach einem Schnitt aus der Knip entstanden ist. Der Schnitt war in einer Beilage der holländischen Knip aus dem Jahr 2014, vermutlich war diese Beilage nie in Deutschland erhältlich.


Eigentlich schade, denn es handelt sich um sehr gute Schnitte, wie ich finde: alles Basics, Shirts, Sweatshirts und einfache Hosen. Die Schnitte sind sicher nichts besonderes, aber sie sind so von der Art, daß sie vermutlich den benähten Männern gut gefallen. Unter "gut gefallen" verstehe ich die Reaktion des Mannes nach der ersten Anprobe des Teiles, der sich zufrieden im Spiegel betrachtet, kurz nachdenkt und dann sagt: sehr schön, dieses Shirt(dieser Pulli, diese Hose) , davon machts Du mir jetzt noch fünf Stück nach dem gleichen Schnitt...

 Diesen Schnitt hatte ich vor einigen Jahren schon mal genäht. Das entstandene Teil damals war weit von meinen heutigen Nähfertigkeiten entfernt. Die Hose war auch zu kurz, und Details wie die Taschen nicht gut im Schnittmuster gelöst. Trotz allem war diese Hose lange ein Lieblingsteil meines Mannes gewesen, was man der Hose auch bald ansah. Ein Ersatz mußte her, und dieses Modell zeige ich  heute.

Ich habe den Originalschnitt etwas abgewandelt, habe die Länge geändert und andere Taschen eingefügt. Hier sind verschiedene andere Schnitte eingeflossen, unter anderem die Herren-Shorts aus dem Buch von Sebastian Hoofs. Über dieses Schnitttmuster berichte ich vielleicht noch mal an anderer Stelle- hier nur soviel, daß dieser Schnitt bei mir nicht zu einer tragbaren Herrenhose führte.

Die Knip-Shorts haben die typischen Stil-Merkmale einer Chino-Hose, also schräge Eingrifftaschen im Vorderteil und Paspeltaschen im Rückteil. Ich habe mich hier auf die bewährten Anleitungen von Closet Case verlassen, die ähnliche Taschen bei der Sasha Trousers zeigen.

Den Schnitt für die Sasha Trosuser habe ich zwar nicht, aber es gibt auf dem Blog von Closet Case ein umfangreiches  Tutorial für diese Taschen. Danach habe ich an meinem Schnitt die Schnitteile für die Taschenspiegel vorne und die Pattentaschen hinten konstruiert.
Alle Taschenbeutel sind mit französischen Nähten genäht. Der Stoff für die Taschenbeutel war ein Rest von meinen Paperwaist-Shorts, so könne wir jetzt im Partnerlook gehen, zumindest was das Taschenfutter angeht...


Die Paspeltaschen hinten sind mir sicher noch nicht perfekt gelungen, es gibt noch etliche Beulen an dne Ecken der Taschen, die sich auch nicht wegbügeln liessen. Aber jedenfalls habe ich jetzt das Prinzip begriffen, wie sowas genäht wird. Diese Art Taschen war lange ein Angstgegner für mich, weil ich auch so viele verschieden Anleitungen dafür hatte und dann irgendwann überhaupt nicht mehr wußte, woran ich mich halten sollte. Aber da ich mit den Closet Case Anleitungen immer gut zurecht kamme, war das dieses Mal auch der beste Weg für mich.

Der Stoff der Hose ist ein  Twill von Lebenskleidung, also ein Stoff in Bioqualität. Ich hatte mir etliche Stoffproben schicken lassen, und dieser Stoff, der auch als Chino-Stoff bezeichnet wird, war eindeutig der schönste. Eine wunderbare Qualität. ganz glatt und etwas glänzend, in einem nicht zu dunklen Marineblau. Ich hoffe sehr, daß Stoff und vor allem die Farbe des Stoffes die Strapazen der nächsten Sommer überstehen, denn auch diese Hose soll hoffentlich die nächsten Jahre überdauern.
Und so macht mir das Nähen auch für andere Spaß, wenn ich dabei ein langlebiges Kleidungsstück schaffen kann, mit desssen Verarbeitung ich  zufrieden bin.
verlinkt : Afterworksewing, Sewlala

Mittwoch, 15. August 2018

Kleid Felix von Grainline Studio

Dieser Sommer hat es gut, vielleicht auch zu gut mit uns gemeint. Seit Wochen freuen wir uns über ungetrübten Sonnenschein. Regen ist zu einer exotischen Angelegenheit geworden, die in unserer Tagesplanung nicht mehr auftaucht. Auch wenn die Trockenheit für die Natur verheerende Folgen hat, habe ich natürlich die schönen Seiten dieses Sommers genossen. Alle genähten Sommerkleider wurden ausgiebig getragen, Hosen nur in Form von kurzen Shorts angezogen. Als dann die Temperaturen weiter kletterten, fiel mir aber doch eine schmerzhafte Lücke in meiner Garderobe auf: ich hätte so gerne ein dünnes, weitgeschnittenes Kleidchen aus irgendeinem Flatterstoff angezogen. Sonst mag ich ja gerne auch körperbetonte Kleidung und freue mich, wenn die Taille erkennbar ist. Aber bei 37° im Schatten mag ich an der Taille nichts mehr enges haben- ein weites Viscosekleid mußte her.

Ich gebe ja zu, daß ich zunächst versucht habe, so etwas noch zu kaufen. Aber ich habe wieder mal die Erfahrung gemacht, daß wir Selbernäherinnen in den üblichen Kleidergeschäften nicht fündig werden. Ich habe nun mal eine bestimmte Erwartung an Schnitt, Stoff und Qualität, und diese Wünsche werden mit der Kaufkleidung nicht erfüllt.

In dieser Phase entdeckte ich den neuen Schnitt von Grainline Studio, den Felix Dress. Ich wußte sofort, das würde mein fehlendes Sommerkleid werden. Der Schnitt ist aber auch zu schön: im Oberteil so eine Art Fake-Wickelkleid, als besser gesagt mehr Fake als Wickel, da nichts überlappt und die breite Ausschnittblende einfach assymmetrisch festgenäht wird. Raffiniert finde ich die Form, wie der Rock angesetzt wird: die Taillennaht im Vorderteil ist  nach oben gerundet, im Oberteil etwas mehr als im Rockteil. Der Rock wird beim Einsetzen ganz leicht angekraust oder besser gesagt eingehalten, um die Mehrweite zu verteilen.
Quelle: Grainline Studio

Ich habe so eine Schnittform noch nie gesehen und finde es sehr interessant, daß dadurch so ein schöner Faltenfall im Vorderteil erreicht wird. Das Vorderteil ist dadurch etwas kürzer als das Rückteil, also Vokuhila, aber eben nur sehr diskret.

Ein schöner Schnitt braucht einen schönen Stoff, und den fand ich in meinem gutsortierten hauseigenen Stofflager. Felix benötigt einen Stoff mit viel  "Drape", also einer guten Fließeigenschaft, und das findet man eher bei Viscosestoffen. Ich habe eine buntgemustere Viscose gewählt, bei der sich rosa- und gelbfarbige Blüten auf einem mintfarbigen Untergrund tummeln. Der Stoff wartet schon länger auf seine Bestimmung. Gekauft habe ich ihn bei einem französischen Onlinestoffgeschäft, genaueres weiß ich leider nicht mehr. Wenn ich mich recht erinnere, war er mal für eine Bluse gedacht- wie schön, daß ich ihn dafür nicht genommen habe, denn jetzt wurde er zu meinem idealen Hochsommerkleid!

Das Felixkleid ist gefüttert, die Schnittanleitung auch so geschrieben. Natürlich kann man das Kleid auch ohne Futter nähen, ein schönes Beispiel dafür findet sich hier.

Aber irgendwie ist ja ein gefüttertes Kleid schon ein kompletteres Kleid, und es muß ja kein so ganz dickes Futter sein. Die üblichen Futterstoffe , die aus den bekannten Polydingensfasern bestehen, schieden sowieso aus, da schon der Gedanke an Polyester bei 35°  bei mir zu einem erneuten Schweißausbruch führte. Bei Grainline Pattern wurde ein Viscose-Futter empfohlen, was ich auch für eine gute Idee hielt. Leider gibt es Viskosefutterstoffe nicht an jeder Ecke...zum Glück war ich nach einem sehr nettenTelefongespräch mit einer Stoffhändlerin meines Vertrauens etwas klüger, und zwei Tage später erhielt ich ein Päckchen mit zwei möglichen Futterstoffen. Das Viscosefutter war schön, angenehm anzufassen, aber der andere Stoff war ein Traum: ein ganz zartes Stöffchen, aus Baumwolle und Seide. Die Temperaturen lagen auch an dem Tag, als das Päcken ankam, bei deutlich über 35°, deshalb war schon klar, welchen Stoff ich als Futter wählte, nämlich den zarten Seiden-Baumwollstoff. Ist es verwerflich, einen teuren Stoff als Futter zu nehmen? Ich finde eigentlich nicht-natürlich sieht man ihn normalerweise nicht von außen, aber ich habe ihn ja direkt auf der Haut, und das ist doch eigentlich viel wichtiger. Das Tragegefühl dieses Kleides ist jedenfalls unvergleichlich schön, es ist einfach eine Freude, sich dieses Kleid über zu ziehen.


Felix wird übrigens wirklich einfach übergezogen, das Kleid hat keinen Verschluss. Entsprechen "oversized" ist auch die Paßform. Ich habe Größe 8 genäht, das paßt mir bei Grainline sonst immer ganz gut.

 Auch wenn die ersten Anproben vielversprechend waren, muß ich im nachhinein sagen, daß mir das Kleid etwas zu groß geraten ist. Vor allem der Ausschnitt ist sehr tief.  In der Freizeit stört mich das nicht, so wie hier auf unserer Fahrradtour durch den Kraichgau. Ich hatte morgens ja noch ein Top unter dem Kleid getragen, nachdem es mittags aber dann so warm wurde, habe ich das ausgezogen und mich in dem luftigen Kleidchen zwar etwas overdressed, aber sonst sehr wohl gefühlt.
Der Armausschnitt ist etwas zu tief. Das ist auch das einzige, was ich an dem Schnitt kritisieren kann. Das Schnittmuster enthält verschiedene Variationen, mit kurzen Flügelärmeln, mit dreiviertellangen Ärmeln und eben ärmellos, und alle Variationen haben den gleichen Armausschnitt. Das kann nicht gut gehen, für die ärmellose Version wäre es besser, den Schulterpunkt etwas nach innen und den Armausschnitt nach oben zu setzen.
Ansonsten ist der Schnitt, wie gewohnt von Grainline, technisch perfekt. Alles paßt gut zusammen, die Beschreibung ist mehr als ausführlich und sicher auch anfängertauglich. Schwierig fand ich eigentlich nur die Technik, die Mehrweite am Rock einzuhalten und eben nicht einzukräuseln. Irgendwie habe ich es hinbekommen, aber ich würde bei der nächsten Fassung lieber ein oder zwei Kräuselfäden einziehen, das ist keine große Mühe und würde zumindest mir das Nähen sehr erleichtern.
 Die Bilder sind an einem schönen sonnigen Tag auf einer Fahrradtour durch den Kraichgau entstanden. Morgens war es recht frisch, deshalb hatte ich noch ein Top unter das Kleid gezogen. Und das wird wahrscheinlich auch die Variante sein, in der ich das Kleid am meisten in der Öffentlichkeit tragen werde, um die allzu offenherzigen Einblicke durch Ausschnitt und Ärmellöcher zu verhindern.

Die Bilder entstanden vort dem wilden Apfelbaum, den wir im Frühjahr schon mal fotografiert haben. Damals war er von Blüten und Bienen übersät, ich übrigens im Joni-Dress. Auch wenn die Vegetation ringsum sichtbar ausgetrocknet ist, trägt der Baum überreichlich Früchte. Für mich ist das Werden eines Apfels jedes Jahr von neuem ein Wunder, dieses Jahr aber besonders, wenn ich an die brutale Hitze zwischendurch denke.
Außer Apfelbäumen gibt es im Kraichgau natürlich auch noch viele andere landschaftliche Besonderheiten. Interessant finde ich immer wieder die Hohlwege, tief eingeschnittene alte Wegverbindungen in den lockeren Lössboden. Hier findet man eine ganz eigene Vegetation, vor allem wenn es sich um wenig begangene Wege handelt. So einen hatten wir auf dieser Radtour entdeckt. Die Radtour wurde dann kurzfristig zur Schiebetour, aber die besondere Stimmung im Hohlweg war uns das wert.

Zum Radfahren ist das Felixkleid wunderbar geeignet, vor allem bei Hitze. Ich hatte ja etwas Sorge, ob der zarte Futterstoff irgenwann bei einer unbedachten Bewegung reissen könnte, aber das Kleid ist weit genug, daß das nicht passieren kann. Und auch die Tatsache, daß es am Ende der Radtour einmal komlett durchgeschwitzt war und verknittert von einem kurzen Mittagsschläfchen auf einer Wiese, machten dem Kleid nichts aus.  Deswegen kann ich diesen Schnitt guten Gewissens als einen idealen Sommerschnitt weiter empfehlen!
verlinkt: Sewlala, DufürDichamDonnerstag, AWS.