Mittwoch, 7. März 2018

Ginger Jeans - eine unendliche Geschichte



Seit meiner Teenagerzeit trage ich gerne Jeans. Früher natürlich Kaufjeans, jetzt in den letzten Jahren, seit ich das Nähen wieder für mich entdeckt habe, gerne auch selbstgenähte. Ich habe verschiedene Schnitte ausprobiert, überwiegend aber die Ginger Jeans von Closet Case genäht und hier versucht, die Paßform zu verbessern.

Mit der grauen Jeans, die ich vor einem Jahr genäht habe, bin ich nach wie vor recht zufrieden. Sie wurde viel getragen und viel gewaschen. Gewaschen wurde sie natürlich nicht , weil sie schmutzig war, sondern weil sie nach dem Waschen eine deutlich bessere Passform hat...der Stoff neigt sehr zum Ausleiern und hat keine gute Rücksprungkraft.
Die richtige Stoffwahl ist eines der Hauptprobleme bei der Jeansnäherei, vor allem wenn man einen Jeansstoff mit Stretch verwendet. Natürlich gibt es überall Stretchjeansstoffe zu kaufen. Leider hilft die Angabe auf dem Stoffetikett, wieviel Elasthan der Stoff enthält, überhaupt nicht weiter. Ich habe einen Jeansstoff hier liegen, der nur 1% Elasthan enthält, und der ist wunderbar dehnbar, mindestens 15 %. Und die Rücksprungeigenschaften zeigen sich dann sowieso erst beim Tragen.

Für meine neue Ginger habe ich mir das Leben etwas einfacher gemacht und habe einen Stoff gewählt, der von Heather Lou, der Designerin von Closet Case, selbst häufig verwendet wurde.
Es handelt sich um einen Stoff der amerikanischen Denimweberei Cone, deren Tradition bis 1891 zurückreicht. Durch eine spezielle Technik (" S-Gene") soll eben dieses Ausleiern der Jeans verhindert werden . Wenn ich es recht verstanden hatte, liegt das Geheimnis dieser guten Dehneigenschaften des Stoffes in der verwendeten Faser des Stoffes selbst. Die Zusammensetzung besteht aus 93% Baumwolle, 6% Polyester und 1% Lycra.
Ich habe den Stoff zusammen mit der Hardware, also Reißverschluss, Knöpfe, Nieten und Garn, direkt bei Closet Case bestellt. Die bieten immer wieder mal diese Sets an, die aber nach einigen Stunden wieder ausverkauft sind. Ich hatte  Glück und hatte eines ergattert.
Leider habe ich keinen europäischen Stoffhändler gefunden, der diesen Cone Denim vertreibt. Und auch in Amerika habe ich nur einen Online Shop entdeckt, wo man ihn als Endverbraucher in kleinen Mengen beziehen kann.

Lohnt sich der Hype um den den Cone Denim, ist er wirklich besser als andere Jeansstoffe? Das kann ich natürlich nicht sagen, da ich zuwenig andere Denims vernäht habe. Aber ich kann schon sagen, daß dieser Jeansstoff sehr, sehr gut ist. Die Dehnbarkeit ist super, sicher 15%. Ich habe meine Jeans jetzt seit 2 Wochen in Gebrauch. Sie hat sich etwas ausgedehnt, vor allem im Bundbereich, da würde ich sie mir jetzt etwas enger wünschen. Ich hatte allerdings auch eine Bügeleinlage verwendet, die etwas dehnbar ist. Eine gewisse Dehnbarkeit des Jeansstoffes ergibt sich  auch aus der Webart des Stoffes. Sehr gespannt bin ich jetzt, was nach den nächsten Waschvorgängen meiner Jeans passiert. Sicher wird der Stoff noch weiter ausbluten. Ich hatte ihn einmal vorgewaschen, wie ich es immer mache, aber trotzdem hat der Stoff beim Nähen wunderbar meine Hände gefärbt.
Auf den einschlägigen Blogs wird berichtet, daß manche diesen Cone Denim einige Male vorwaschen, auch weil er bei jedem Waschvorgang noch etwas weiter schrumpfen würde. Da bin ich mal gespannt, was bei mir passiert. Vor weiterem Schrumpfen habe ich keine Angst, da meine Hose nicht so knalleng sitzt.

Bei der Passform habe ich mich etwas weiter vorgearbeitet, im Vergleich zur letzten Ginger. Ich habe die Schrittkurve etwas verkürzt, ca 0,7 cm , und an der rückwärtigen Mitte etwa 0,5 cm Höhe am rückwärtigen Teil entfernt. Wirklich keine großen Änderungen, aber der Sitz ist jetzt noch mal besser, wie ich finde. Das ist ja wahrscheinlich ein Teil der Schwierigkeiten bei der Hosenanpassung, daß so kleine Änderungen schon viel am Sitz bewirken.
Geändert habe ich auch die Form der Hosenbeine und diesmal die "stovepipe" , also die gerade Form der Beine genäht. Das ist jetzt so eine ganz klassische Form der Jeans, mittlere Höhe und gerade Beine, ich hoffe, daß mir diese Form auch über die nächsten Jahre noch gefällt.

Denn auch sonst habe ich mich beim Nähen um Qualität und Langlebigkeit bemüht. Das Schöne am Jeansnähen sind ja die Möglichkeiten, eine Hose zu personalisieren und eben zu einem ganz besonderen Stück zu machen.

Das beginnt schon mit der Auswahl des Stoffes für die Taschenbeutel. Hier habe ich einen Batist von Atelier Brunette geopfert, der aber farblich so schön zum Hosenstoff paßt. Der Taschenbeutel wird bei diesem Schnitt übrigens bis vorne zum Reißverschluss gezogen und dort festgenäht. Das gibt eine schöne Paßform im Bauchbereich. Auch die Kanten des Untertrittes sowie die untere Bundkante habe ich mit dem gleichen Stoff  versäubert.

Für die parallelen Absteppungen habe ich entdeckt, daß das Zubehörkästchen meiner Nähmaschine dafür großartige Hilfsmittel bereit hält. Die äußere Absteppung, 2-3 mm von der Kante entfernt, mache ich jetzt mit einem Nähmaschinenfuß, der wohl eigentlich für den Blindstich gedacht ist. Er hat jedenfalls eine Führungsschiene und eignet sich, bei verstellter Nadelposition, hervorragend für die äußere Naht.

Die innere Absteppung soll 1/4 Inch innerhalb der ersten Naht liegen- klar, dafür gibt es das Patchworkfüßchen! Mit diesen beiden Nähfüßen gelangen mir die Absteppungen deutlich exakter als bei meinen früheren Versuchen, wo ich immer noch dachte, mit dem Universalnähfüßchen alles nähen zu können. Wieder was gelernt!
Bei den Stickereien auf der Gesäßtasche halte ich mich bisher zurück. Bei anderen finde ich die Kunstwerke auf dem Po toll, aber ich denke, daß mir das nicht unbedingt steht. Den kleinen Schnörkel konnte ich mir allerdings dann doch nicht verkneifen.

Besonders gefreut habe ich mich ja, daß mir bei dieser Jeans auch die Bartacks, die Verstärkungsstiche, recht gut gelungen sind. Insbesondere bei den Gürtelschlaufen, wo dann der enggestellte Zickzackstich wirklich durch 5 - 6 Lagen Jeansstoff durchgehen muß, hatte ich bei allen früheren Jeans meine Probleme. Ich hatte diesmal alle verfügbaren Tips aus diversen Näh-Foren durchprobiert und teilweise beherzigt, also die Oberfadenspannung reduziert, den Nähfußdruck etwas verringert und vor allem konsequent den Humper-Dumper eingesetzt. Kennt Ihr den Humper-Dumper? Leider weiß ich dafür kein deutsches Wort, vielleicht Höhenausgleichsplättchen? ich meine jedenfalls dieses kleine Teile mit ausklappbaren Plastikarmen, das man zum Höhenausgleich unter das Nähfüßchen schieben kann, wenn sehr dicke Kanten zu überwinden sind. Ein unschätzbares Hilfsmittel beim Jeansnähen, auch gerade bei den Gürtelschlaufen. Bis auf kleinere Garnknäuel auf der linken Seite hat jedenfalls alles geklappt.

Die Jeansknöpfe und Nieten waren auch in dem Set von Closet Case enthalten. Der Jeansknopf ist sehr schön, nämlich ganz schlicht und glatt, also ohne dieses Wappen, was auf dem Prym-Jeansknöpfen ist. Die Nieten waren passend dazu, gefielen mir eigentlich auch sehr gut. Im Sewalong der Gingerjeans wird ja auch genau beschrieben, wie man diese Nieten einschlagen soll, zunächst mit der Zange die überstehende Länge abzwacken, dann einhämmern...mir kam das gleich so handwerklich vor, daß ich diese Aufgabe lieber meinem Mann übertragen habe, der dafür mit Sicherheit besser geeignet ist als ich.

Mein Mann betrachtete sich Nieten und Gegenstück kurz und erklärte mir dann, daß das ganze ein technische Fehlkonstruktion sei. Und er hatte Recht- die Nieten haben auf der Unterseite, die also dem Stoff zugewandt ist, ein kugelförmige Ausbuchtung. Entweder macht man das Loch im Stoff so groß, daß die Kugel hineinpaßt, dann liegt die Niete flach auf dem Stoff. Oder man akzeptiert einen kleinen Abstand zwischen Stoff und Niete, das ist aber auch nicht schön. Und bei der berühmten Ecke an der Münztasche, die ja traditionell auch eine Niete erhalten muß, gelang es ihm gar nicht, die Niete einzuschlagen, da der Dorn für diese 3 Lagen Jeansstoff plus Futterstoff zu kurz war.
Wir haben deshalb wieder die bewährten Prym-Nieten verwendet, die dann zwar farblich nicht mehr ganz zum Jeansknopf paßten, dafür aber gut und problemlos einzuschlagen waren. An den Gesäßtaschen habe ich statt Nieten Bartacks genäht, nach meinen guten Erfahrungen mit den Gürtelschlaufen.
 Insgesamt bin ich mit dieser Jeans sehr zufrieden. Etwas gewöhnungsbedürtig fand ich die Form der Hosenbeine. Auch wenn sie nur etwas weiter sind als ein Skinny-Jeans, verändern sie doch komplett die Silhouette der Jeans. Hüftlange Oberteile passen nicht mehr dazu, besser sind taillenkurze Pullis oder Shirtss, die in den Bund gesteckt werden. Aber wenn man nähen kann, ist das ja alles kein Problem, da werden die passenden Kombipartner längengenau hergestellt!
Was mir bei dieser Jeans noch nicht ganz gefällt, ist die Bundweite. Der Bund ist etwas zu weit, vor allem jetzt nach einigen Tagen die die Hose getragen wurde. Ich habe den Bund mit einer elastischen Einlage verstärkt, und das gibt so wenig Halt, daß ich die Hose lieber mit Gürtel trage.
Bei der nächsten Ginger werde ich den Bund noch etwas verkürzen, vor allem im Rückenbereich. Man könnte sicher eine etwas stabilere Einlage verwenden, oder den Beleg aus Webware zuschneiden. Also, die Anpassung einer Jeans ist wirklich eine unendliche Geschichte!

Verlinkt wird dieser Beitrag mit dem Memademittwoch, an dem am ersten Märzmittwoch sicher auch viele Frühlingsmodelle vorgeführt werden.  Katharina empfängt uns heute in einem traumhaften Jerseykleid- da kann der Frühling wirklich kommen!