Mittwoch, 15. August 2018

Kleid Felix von Grainline Studio

Dieser Sommer hat es gut, vielleicht auch zu gut mit uns gemeint. Seit Wochen freuen wir uns über ungetrübten Sonnenschein. Regen ist zu einer exotischen Angelegenheit geworden, die in unserer Tagesplanung nicht mehr auftaucht. Auch wenn die Trockenheit für die Natur verheerende Folgen hat, habe ich natürlich die schönen Seiten dieses Sommers genossen. Alle genähten Sommerkleider wurden ausgiebig getragen, Hosen nur in Form von kurzen Shorts angezogen. Als dann die Temperaturen weiter kletterten, fiel mir aber doch eine schmerzhafte Lücke in meiner Garderobe auf: ich hätte so gerne ein dünnes, weitgeschnittenes Kleidchen aus irgendeinem Flatterstoff angezogen. Sonst mag ich ja gerne auch körperbetonte Kleidung und freue mich, wenn die Taille erkennbar ist. Aber bei 37° im Schatten mag ich an der Taille nichts mehr enges haben- ein weites Viscosekleid mußte her.

Ich gebe ja zu, daß ich zunächst versucht habe, so etwas noch zu kaufen. Aber ich habe wieder mal die Erfahrung gemacht, daß wir Selbernäherinnen in den üblichen Kleidergeschäften nicht fündig werden. Ich habe nun mal eine bestimmte Erwartung an Schnitt, Stoff und Qualität, und diese Wünsche werden mit der Kaufkleidung nicht erfüllt.

In dieser Phase entdeckte ich den neuen Schnitt von Grainline Studio, den Felix Dress. Ich wußte sofort, das würde mein fehlendes Sommerkleid werden. Der Schnitt ist aber auch zu schön: im Oberteil so eine Art Fake-Wickelkleid, als besser gesagt mehr Fake als Wickel, da nichts überlappt und die breite Ausschnittblende einfach assymmetrisch festgenäht wird. Raffiniert finde ich die Form, wie der Rock angesetzt wird: die Taillennaht im Vorderteil ist  nach oben gerundet, im Oberteil etwas mehr als im Rockteil. Der Rock wird beim Einsetzen ganz leicht angekraust oder besser gesagt eingehalten, um die Mehrweite zu verteilen.
Quelle: Grainline Studio

Ich habe so eine Schnittform noch nie gesehen und finde es sehr interessant, daß dadurch so ein schöner Faltenfall im Vorderteil erreicht wird. Das Vorderteil ist dadurch etwas kürzer als das Rückteil, also Vokuhila, aber eben nur sehr diskret.

Ein schöner Schnitt braucht einen schönen Stoff, und den fand ich in meinem gutsortierten hauseigenen Stofflager. Felix benötigt einen Stoff mit viel  "Drape", also einer guten Fließeigenschaft, und das findet man eher bei Viscosestoffen. Ich habe eine buntgemustere Viscose gewählt, bei der sich rosa- und gelbfarbige Blüten auf einem mintfarbigen Untergrund tummeln. Der Stoff wartet schon länger auf seine Bestimmung. Gekauft habe ich ihn bei einem französischen Onlinestoffgeschäft, genaueres weiß ich leider nicht mehr. Wenn ich mich recht erinnere, war er mal für eine Bluse gedacht- wie schön, daß ich ihn dafür nicht genommen habe, denn jetzt wurde er zu meinem idealen Hochsommerkleid!

Das Felixkleid ist gefüttert, die Schnittanleitung auch so geschrieben. Natürlich kann man das Kleid auch ohne Futter nähen, ein schönes Beispiel dafür findet sich hier.

Aber irgendwie ist ja ein gefüttertes Kleid schon ein kompletteres Kleid, und es muß ja kein so ganz dickes Futter sein. Die üblichen Futterstoffe , die aus den bekannten Polydingensfasern bestehen, schieden sowieso aus, da schon der Gedanke an Polyester bei 35°  bei mir zu einem erneuten Schweißausbruch führte. Bei Grainline Pattern wurde ein Viscose-Futter empfohlen, was ich auch für eine gute Idee hielt. Leider gibt es Viskosefutterstoffe nicht an jeder Ecke...zum Glück war ich nach einem sehr nettenTelefongespräch mit einer Stoffhändlerin meines Vertrauens etwas klüger, und zwei Tage später erhielt ich ein Päckchen mit zwei möglichen Futterstoffen. Das Viscosefutter war schön, angenehm anzufassen, aber der andere Stoff war ein Traum: ein ganz zartes Stöffchen, aus Baumwolle und Seide. Die Temperaturen lagen auch an dem Tag, als das Päcken ankam, bei deutlich über 35°, deshalb war schon klar, welchen Stoff ich als Futter wählte, nämlich den zarten Seiden-Baumwollstoff. Ist es verwerflich, einen teuren Stoff als Futter zu nehmen? Ich finde eigentlich nicht-natürlich sieht man ihn normalerweise nicht von außen, aber ich habe ihn ja direkt auf der Haut, und das ist doch eigentlich viel wichtiger. Das Tragegefühl dieses Kleides ist jedenfalls unvergleichlich schön, es ist einfach eine Freude, sich dieses Kleid über zu ziehen.


Felix wird übrigens wirklich einfach übergezogen, das Kleid hat keinen Verschluss. Entsprechen "oversized" ist auch die Paßform. Ich habe Größe 8 genäht, das paßt mir bei Grainline sonst immer ganz gut.

 Auch wenn die ersten Anproben vielversprechend waren, muß ich im nachhinein sagen, daß mir das Kleid etwas zu groß geraten ist. Vor allem der Ausschnitt ist sehr tief.  In der Freizeit stört mich das nicht, so wie hier auf unserer Fahrradtour durch den Kraichgau. Ich hatte morgens ja noch ein Top unter dem Kleid getragen, nachdem es mittags aber dann so warm wurde, habe ich das ausgezogen und mich in dem luftigen Kleidchen zwar etwas overdressed, aber sonst sehr wohl gefühlt.
Der Armausschnitt ist etwas zu tief. Das ist auch das einzige, was ich an dem Schnitt kritisieren kann. Das Schnittmuster enthält verschiedene Variationen, mit kurzen Flügelärmeln, mit dreiviertellangen Ärmeln und eben ärmellos, und alle Variationen haben den gleichen Armausschnitt. Das kann nicht gut gehen, für die ärmellose Version wäre es besser, den Schulterpunkt etwas nach innen und den Armausschnitt nach oben zu setzen.
Ansonsten ist der Schnitt, wie gewohnt von Grainline, technisch perfekt. Alles paßt gut zusammen, die Beschreibung ist mehr als ausführlich und sicher auch anfängertauglich. Schwierig fand ich eigentlich nur die Technik, die Mehrweite am Rock einzuhalten und eben nicht einzukräuseln. Irgendwie habe ich es hinbekommen, aber ich würde bei der nächsten Fassung lieber ein oder zwei Kräuselfäden einziehen, das ist keine große Mühe und würde zumindest mir das Nähen sehr erleichtern.
 Die Bilder sind an einem schönen sonnigen Tag auf einer Fahrradtour durch den Kraichgau entstanden. Morgens war es recht frisch, deshalb hatte ich noch ein Top unter das Kleid gezogen. Und das wird wahrscheinlich auch die Variante sein, in der ich das Kleid am meisten in der Öffentlichkeit tragen werde, um die allzu offenherzigen Einblicke durch Ausschnitt und Ärmellöcher zu verhindern.

Die Bilder entstanden vort dem wilden Apfelbaum, den wir im Frühjahr schon mal fotografiert haben. Damals war er von Blüten und Bienen übersät, ich übrigens im Joni-Dress. Auch wenn die Vegetation ringsum sichtbar ausgetrocknet ist, trägt der Baum überreichlich Früchte. Für mich ist das Werden eines Apfels jedes Jahr von neuem ein Wunder, dieses Jahr aber besonders, wenn ich an die brutale Hitze zwischendurch denke.
Außer Apfelbäumen gibt es im Kraichgau natürlich auch noch viele andere landschaftliche Besonderheiten. Interessant finde ich immer wieder die Hohlwege, tief eingeschnittene alte Wegverbindungen in den lockeren Lössboden. Hier findet man eine ganz eigene Vegetation, vor allem wenn es sich um wenig begangene Wege handelt. So einen hatten wir auf dieser Radtour entdeckt. Die Radtour wurde dann kurzfristig zur Schiebetour, aber die besondere Stimmung im Hohlweg war uns das wert.

Zum Radfahren ist das Felixkleid wunderbar geeignet, vor allem bei Hitze. Ich hatte ja etwas Sorge, ob der zarte Futterstoff irgenwann bei einer unbedachten Bewegung reissen könnte, aber das Kleid ist weit genug, daß das nicht passieren kann. Und auch die Tatsache, daß es am Ende der Radtour einmal komlett durchgeschwitzt war und verknittert von einem kurzen Mittagsschläfchen auf einer Wiese, machten dem Kleid nichts aus.  Deswegen kann ich diesen Schnitt guten Gewissens als einen idealen Sommerschnitt weiter empfehlen!
verlinkt: Sewlala, DufürDichamDonnerstag, AWS.

Mittwoch, 1. August 2018

Shorts Sunset aus der La Maison Victor

Wie sehr beeinflußt die aktuelle Mode eigentlich uns Selbernäherinnen? Eigentlich müßte sie uns ja gar nicht beeinflussen. Da ich selber nähe, bin ich völlig unabhängig von den gerade aktuellen Modefarben und den angesagten Schnittformen, ich könnte mich ganz auf das konzentrieren, was mir steht und nur das nähen.

Andererseits lebe ich natürlich nicht in einem modefreien Umfeld. Tagtäglich sehe ich andere Frauen, die mehr oder weniger modisch angezogen sind, ich sehe Modestrecken in Zeitschriften und in den Auslagen der Geschäfte. Und so blieb mir nicht verborgen, dass zur Zeit die "paperbag waist" Hosen einen gewissen Modetrend darstellen, also Hosen, bei denen die Taille eingekraust ist und oberhalb der Kräuselung der Stoff noch etwas übersteht, so daß eben der Eindruck einer Papiertüte entsteht. Darüber wird dann noch ein Stoffgürtel getragen, gern mit Schleife vorm Bauch verschlossen.

Ehrlich gesagt fand ich diese Form der Taillenlösung anfangs ziemlich furchtbar...schon den normalen Gummizug in der Taille bei Hose oder Rocke empfinde ich als Notlösung, und dann das ganze auch noch betonen durch die das dicke Schlüppi vorm Bauch...als die ersten Schnitte dieser Art in den einschlägigen Schnittzeitschriften auftauchten, habe ich sie guten Gewissens ignoriert.
Aber dann kam die neue LaMaisonVictor, und die hatten eben dieses Schnittmuster der Shorts Sunset, was ich heute zeige. Schon im Heft fand ich die gezeigten Shorts toll, und mit meinem genähten Exemplar bin ich auch sehr zufrieden.
Schön finde ich an diesem Schnitt ja vor allem die Taschenlösung. Große Taschen in Hosen sind immer praktisch, in diesem Fall sehen sie auch noch gut aus und verwandeln sich im oberen Teil in Gürtelschlaufen.
Der verwendete Stoff ist ein Chambray, auf der einen Seite jeansblau mit kleinen orangenen Kreisen, die andere Seite einfarbig. Eigentlich ein sehr schöner Stoff, es gibt ihn nicht mehr, sonst hätte ich die Quelle verlinkt. Der Stoff lag schon eine Weile im Stoffstapel, eher nach unten gewandert über die Jahre, denn ich hatte ihn fast schon als Fehlkauf eingestuft. Muster und Farben gefielen mir zwar gut, aber der Stoff war  dünn und steif, hatte einen eigenartig starren Fall. Ich fand ihn bisher für alles ungeeignet, was Kleidung anging. Für diese Hose war er ideal. Auch wenn die LMV schreibt, der Schnitt wäre für alle Stoffe geeignet, glaube ich, daß der Papiertüten-Look besser mit einem etwas steifen Stoff erreicht wird.

Genäht ist die Hose wirklich schnell, da man sich  die zeitaufreibenden Dinge wie Reißverschluss und Bund spart. Ich habe Gr 36 genäht, da der Schnitt schon sehr "overzised" ist. Die Schrittkurve hatte ich etwas steiler gestellt, wäre wahrscheinlich bei diesem Schnitt gar nicht nötig gewesen. So eine richtige Paßform hat die Hose sowieso nicht.
Die Beschreibung in der LMV ist gut und ausreichend. Es gibt auch noch ein Video über das Nähen des Bundes mit dem Gummizug, aber das braucht man eigentlich nicht.
Zu einer Shorts mit dem schönen Namen Sunset braucht man natürlich ein Top mit ähnlichem tageszeitlichen Bezug, und deswegen habe ich mit das Top "Till Dawn" aus der Ottobre Woman 2 /2014 dazu genäht...na ja, nicht nur wegen des Namens, das fiel mir ehrlich gesagt erst beim Schreiben dieses Blogposts auf.

Tatsächlich hatte ich dieses Top in der Ottobre bisher völlig übersehen, dabei ist es ein sehr schöner Basic-Schnitt. Ein ärmelloses Top, die Schultern breit genug, um den BH Träger zu verdecken, der Ausschnitt ein ganz sanft geschwungenes V. Der obere Teil ist gedoppelt, gerade bei dem weißen Viscosejersey eine gute Sache, damit nicht gleich alles durchscheint. Die Verarbeitung in Heft klingt etwas umständlich, da die Verarbeitung von Ärmel- und Halsausschnittkanten wie bei Webstoffen durchgeführt wird, also mit Geradstich genäht und untersteppt. Obwohl ich es sonst nicht so mag, wenn Jersey wie Webstoff behandelt wird, habe ich es in diesem Fall einfach mal probiert, mit dem Ergebnis bin ich zufrieden, denn die Abschlüsse sehen sehr schön glatt aus. Der gedoppelte innere Teil erhält als Abschluss ein Framilonband und sitzt dadurch gut unter der Brust.

Genäht habe ich Gr 36, die Armausschnitte um ca 2 cm nach unten vergrößert und die Länge um einiges gekürzt. Im Heft ist das Shirt in einer Tunika-Länge- auch schön, ich wollte es aber in der normalen Shirtlänge, damit ich es in den Bund von Hosen oder Röcken stecken kann.
Mit diesem sommerlichen Outfit reihe ich mich in die Schar der gutangezogenen Frauen des Memademittwoch ein. 
weitere Verlinkungen: Afterworksewing, Sewlala

Mittwoch, 4. Juli 2018

Jenny Overall von Closet Case

Brauche ich eine Latzhose? Das war mein erster Gedanke, als ich den (vor)letzen Schnitt von ClosetCasePatterns betrachtete. Die Designbeispiele waren hübsch, ohne Frage, aber brauche ich sowas?

Die bessere Frage in diesem Fall wäre sogar gewesen: wer braucht eigentlich eine Latzhose?
Latzhosen haben ja schon manche praktischen Vorteile. Sie finden ihren Halt eben nicht durch einen engen Taillenbund, sondern durch Latz und Träger über den Schultern. Vorteilhaft für Menschen, die viel in den Taschen tragen und/oder wenig Taille haben- spontan fallen mir da natürlich schwangere Frauen ein, oder Kleinkinder, die alle Schätze in ihren Taschen mit sich rum tragen. Oder Handwerker- hier trifft ja meistens das Merkmal fehlende Taille (um nicht zu sagen Bauch) mit den vollgeladenen Taschen zusammen...
Ich gehöre zu keiner der vorgenannten Gruppen, also brauche ich sicher keine Latzhose.
Sind Latzhosen modern? In de 70er Jahren waren sie es mit Sicherheit, da vorzugsweise in lila, von emanzipierten Frauen oder solchen, die sich dafür hielten, getragen.

 Heather, die Designerin von ClosetCase, berichtete  auf Instagram, daß sie sich in der Jenny Latzhose absolut in und modisch fühlte. Das mag für junge Frauen in Großstädten gelten- in meinem Umfeld sehe ich eher selten Latzhosen.

Also, ich brauchte keine Latzhose, und fand sie nicht modern, aber trotzdem hat mich dieser Schnitt unglaublich gereizt, sobald ich ihn gesehen hatte. Ich fand ihn einfach schön.
Ich wollte eine Latzhose.
Ich wollte eine grüne Latzhose.
Ich kann diese Farbwahl auch kaum begründen. Sonst trage ich eher blau, aber ich diesem Fall wollte ich grün, und zwar grünes Leinen. Die Assoziation zum Gärtner-Look hat mein Unbewußtes sicher gern in Kauf genommen!
Ich glaube, mir gefiel an diesem Schnitt der gewollte Kontrast zwischen dem maskulinen Arbeiterhosenlook und der sehr weiblichen Umsetzung. Es ist aber auch einfach ein schöner Schnitt.
Ach so, für die, die den Schnitt nicht kennen und auch keine Lust haben, dem  Link zu folgen, hier die kurze Schnittbeschreibung: Jenny ist ein Hosenschnitt, der mit und ohne Latz genäht werden kann. Im Schnitt sind drei verschiedene Hosenlängen enthalten. Die sehr kurze Shorts- Form hatte ich als Probemodell genäht, hier gezeigt,  dieses Modell wird gerade im Dauereinsatz geprüft.
Heute zeige ich die Latzversion mit dreiviertellangen Hosenbeinen.

Der Latz hat eine aufgesetzte Tasche. Ich hätte sie auch weglassen können, denn diese Tasche hat natürlich keine wirkliche Funktion für mich...ich werde hier nicht regelmäßig Zollstock oder Schraubenzieher verstauen, höchstens mal ein Handmaß oder einen Bleistift.
Aber der Rand der Tasche schliesst so schön in der gleichen Senkrechten wie der Beginn des Tascheneingriffes ab- das mußte ich einfach so nähen.

Der verwendete Stoff ist ein belgischer Feinleinen, bezogen habe ich ihn hier. Ein wunderschöner, kostbarer Stoff, ich habe mich deshalb wieder um sehr sorgfältige Arbeit bemüht, um ein nachhaltig wertvolles Stück zu schaffen.
Die Taschenbeutel sind aus einem farblich passender Baumwollstoff. Eine Kennzeichnung mit dem Closetcase Label konnte ich mir auch nicht verkneifen, das sieht so schön professionell aus. Und mein übliches "mariabarbara"-Label ist blau, das paßte jetzt so gar nicht. Wer weiß, in welchem Altkleidersack diese Hose mal irgendwann landet- vielleicht fischt sie jemand mit Kennerblick auf das Etikett heraus?
Aber soweit sind wir ja noch nicht, die nächsten 20 Jahre wird die Hose noch von mir getragen!
Das Nähen war ein reines Vergnügen. Natürlich benötigt so eine Latzhose etwas Zeit, viele Einzelteile, Taschen, Absteppungen, aber sowas macht mir ja unglaublich Spaß. Die Schnittanleitung ist wie immer bei Close Case hervorragend.


Genäht habe ich Größe 8. Ich habe die Länge um ca 7 cm gekürzt, die Schrittkurve angepaßt und in der Taille ca 1 cm erweitert. Die Träger waren etwas zu lang, die habe ich dann auch noch um einige cm gekürzt. Den Latz und die Träger habe ich gedoppelt, das fand ich schöner.
Ich kam mit meinen 2m Stoff, die ich hatte, gerade so hin. Übrig sind nur noch minimale Reste, die ich nicht aufheben werde. So liebe ich das,  wenn auch die Stoffrestekiste nicht durch ein Nähprojekt beschwert wird!
Ich zeige die Latzhose in diesem Beitrag mit zwei verschiedenen Oberteilen. Das weiße Top ist gekauft, aber trotzdem schön und paßt natürlich gut unter die grüne Hose.
Sehr gefreut habe ich mich aber, dass auch mein grüngemustertes Addison-Top (Seamwork) so gut dazu passte. Das war nicht beabsichtigt, umso schöner, wenn sich dann diese Kombinationsmöglichkeiten ergeben!

Das Seamwork Top war übrigens vor fast genau 2 Jahren mein erster Post, den ich beim Memademittwoch verlinkt hatte, mein Blog war noch ganz neu. Vieles ist seither geschehen- mein Kleiderschrank hat sich mittlerweile gefüllt mir vielen selbstgenähten Teilen, ich habe die Bloggerwelt (und die Bloggerwelt mich) kennengelernt, es gab tolle Kontakte, virtuell und reell, zu anderen nähenden Frauen. Ich möchte die Erfahrungen der letzten beiden Jahre nicht missen, freue mich an meinem schönen Hobby und der Welt der Nähbloggerinnen!
Das Seamwork-Top trage ich übrigens wirklich gerne, das ist bei mir jetzt den dritten Somme in der Dauerschleife zwischen Anziehen und Waschmaschine.
Das Thema des heutigen Memademittwoch ("Ich packe meinen Koffer") habe ich wohl nicht ganz getroffen, denn mit Urlaubsgarderobe hat diese Latzhose nicht so viel zu tun. Obwohl ich sie sicherlich mitnehmen werde, aber leider dauert es bei mir noch einige Wochen bis zum Ostsee- Urlaub. Trotzdem verlinke ich mich, und schaue mir gern den Kofferinhalt der anderen versierten Selbernäherinnen an!
verlinkt auch bei Afterworksewing 
                            Sewlala

Mittwoch, 20. Juni 2018

Sallie Jumpsuit von ClosetCase

Jumpsuits sind tolle Kleidungsstücke.  Einerseits haben sie die Vorteile eines Kleides: man zeigt ein einheitliches Erscheinungsbild, sieht ausgesprochen komplett angezogen aus und muß nicht extra nach einem Kombipartner suchen. Andererseits hat ein Jumpsuit auch die unbezweifelbaren Vorteile einer Hose: das Kleidungsstück wird alltags - und vor allem fahrradfreundlich, erlaubt beim Gehen große Schritte und gibt auch beim Sitzen keine ungewünschten Einblicke.

Eigentlich überraschend, daß sich der Jumpsuit nicht als das ideale weibliche Kleidungsstück herausgestellt hat. Aber dann doch wieder verständlich, denn einen Nachteil hat so ein Einteiler natürlich: man muß ihn aus naheliegenden Gründen etliche Male  am Tag ausziehen, um der Blase ihre gewohnten Funktionen zu ermöglichen. Die menschliche Physiologie ist nun mal so!

Deshalb ist ein Jumpsuit für mich eindeutig ein Sommer-Kleidungsstück. Die Vorstellung, mich im Winter auf schlecht geheizten Gäste- oder Restauranttoiletten aus dem gesamenten Outfit zu schälen, wird mich mit Sicherheit davon abhalten, einen Winter- Jumpsuit zu nähen.
Aber im Sommer ist es unproblematisch. Allerdings lebt auch die Funktionalität eines Sommerjumpsuits von der Praktikabilität des Verschlusses- furchtbarer Satz, merke ich grade. Also einfacher ausgedrückt: man muß das Ding rasch auf und zu kriegen, wenn man mal aufs Klo muß.

Der Jumpsuit-Schnitt von Closet Case, Sallie, löst das Problem mit Bindebändern. Es gibt zwei Versionen, eine mit tiefem V-Ausschnitt vorne und hinten und einem Bindeband im Nacken, die ich genäht habe. Die andere Version hat Bändel an der Schulter und ist nicht ganz so tief ausgeschnitten.
Im Schnitt enthalten sind Versionen für lange Hosen und Hosen in Culottelänge, außerdem auch eine Version für ein langes Kleid mit neckischem Seitenschlitz.
Die Schulter-Bändel-Version habe ich für mich gleich ausgeschlossen, da ich meine BH Träger nicht so demonstrativ zeigen möchte. Und bei der anderen Version fand ich, wie ich zugeben muß, dieses gebundene Nackenband so wenig attraktiv, daß mich der Schnitt bisher nicht so interessiert hatte.


Außerdem ist Sallie ein Schnitt für Jerseystoffe, und da dachte ich gleich an ausgebeulte Knie und einen ausgebeulten Hintern, wenn man das gute Stück mal ein Weilchen getragen  hatte.
Im Netz begegneten mir dann aber doch viele sehr schöne Beispiele, so wie die von Kleidermanie, die diesen Schnitt sofort für sich adoptiert hatte.
Und dann kam die Ankündigung des Memademittwoch, daß es einen Extratermin für Jumpsuits geben sollte. Da mußte ich doch dabei sein, schließlich sind die Blogparties meiner Lieblingslinkaktion durch den monatlichen Rhythmus rar gesät und jede Gelegenheit muß ergriffen werden.
Ich hatte mir dann viele Jumpsuitschnitte angeschaut, und die Wahl fiel auf Sallie. Zu schön fand ich dann doch die vielen genähten Beispiele, und schließlich ist ClosetCase ja eine meiner Lieblings- Schnittdesignerinnen.


Die Stoffwahl war einfach: ich hatte einen hellblau-weiß gestreiften Jersey der dänischen Firma Stof in meinem Lager (bezogen habe ich ihn hier) , der förmlich danach rief, zu einem Sallie-Jumpsuit zu werden. Die Menge war zu wenig- solche Kleinigkeiten halten mich natürlich nicht auf, wenn es gilt, den idealen  Stoff zum idealen Schnitt zu verwenden. Sallie hat ein gedoppeltes Oberteil, und als Futter fand sich ein weißer Jersey in meinem Lager. Die Beinlänge wollte ich sowieso auf die Culotte-Länge beschränken.

Das Problem mit der Stoffmenge konnte ich also gut bewältigen- aber mir kamen beim Zuschneiden andere Bedenken.  Meine Sallieversion hat kleine angeschnittene Kimonoärmel, vorderes und hinteres Oberteil sind komplett identisch. Für jemanden wie mich, der sich gerne mit Spielereien wie Abnäherverlegung und FBA beschäftigt, schon gewöhnungsbedürftig...
Die Hose erschien mir unförmig. Ich hatte meine übliche Anpassung der Schrittkurve versucht, wußte aber nicht, ob das bei dem dehnbaren Stoff überhaupt Sinn machte.
nein, dies ist kein Fall für die Streifenanpassungspolizei- die Streifen in diesem Stoff sind so ungleichmäßig, daß eine Anpassung nicht möglich ist. Das soll so!

Aber es war dann alles so schön zugeschnitten, und so tackerte ich das ganze dann mal zusammen. Die Ausschnittkante habe ich anleitungsgemäß mit Framilon verstärkt, ohne das Band beim Annähen zu dehnen. Im Nachhinein, nach den ersten Wäschen, denke ich, daß ich es besser leicht gedehnt aufgenäht hätte- der Ausschnitt neigt zum Ausleiern, zumal er auch recht tief ist. In der Taille wird ein Gummiband eingezogen, auch das wird in der Anleitung sehr gut beschrieben.

Und dann die erste Anprobe: ich war begeistert! So ein tolles Teil! Ich kann jetzt die Begeisterung für diesen Schnitt gut nachvollziehen. Der Armausschnitt ist bei mir etwas zu hoch, das führt zu verstärkten Falten zwischen Achsel und Schulter, die aber bei dem Kimonoärmel sowieso da sind. Unbequem ist es nicht und verhindert zumindest unwillkommene Einblicke im Brustbereich.
 Ich  habe den Jumpsuit bei verschiedenen Gelegenheiten getragen,  und er paßt einfach immer. Zuhause ist er bequem, beim Radfahren praktisch und beim Einkaufen sieht er gut aus.

Genial fand ich ihn bei unserem Streichquartetttermin am Sonntag. Ich spiele Bratsche in verschiedenenen mehr oder weniger ambitionierten Kammermusikformationen. Beim Bratschespielen sitze ich, korrekterweise mit halbgespreizten Beinen. Uns wurde mal auf einem renommierten Kurs erklärt, daß die hohen Streicher, also Geigen und Bratschen, so sitzen sollten, daß sie auch jeden Augenblick aufstehen könnten. Danach habe ich mir diese Haltung angewöhnt, also mit fest aufgestellten Füßen und halb gespreizten Beinen. Da hat natürlich ein kurzes Röckchen nichts verloren, schliesslich will man ja den Mitspielern keine unliebsamen Einblicke vermitteln, die sollen sich ja auf ihre Noten konzentrieren.
Aber der Jumpsuit, der war wirklich ideal fürs Quartettspiel. Auch am Bauch engte nichts ein, die Arme konnten sich schön frei bewegen, also ideale Voraussetzungen für unser anspruchsvolles Programm mit späten Beethovenquartetten
Ich erkläre hiermit den Jumpsuit zum idealen Kleidungsstück für Bratschistinnen  und Geigerinnen- vermutlich aber auch für Cellistinnen, denn die haben ja auch immer das Problem mit den gespreizten Beinen beim Spielen. Wenn ich professionell Musik machen würden, könnte ich mir Sallie, aus edlem schwarzen Jersey, auch gut als Konzertkleidung vorstellen.

Aber zurück zum Alltag. Ich bin jetzt sehr gespannt, welche anderen Jumpsuit-Schnitte auf dem Memademittwoch heute gezeigt werden, denn ich plane auch noch andere Versionen. Gerne nähe ich Sallie nochmal, denn der Schnitt hat mich sehr überzeugt. Aber es gibt sicher auch noch viele andere schöne Jumpsuitschnitte!
Verlinkt: Memademittwoch
Wof
Dufürdichamdonnerstag
Sewlala
Afterworksewing