Dienstag, 11. Juni 2019

Culotte oder Hose? Jenny von Closet Case Patterns

Ist es nun ein Hosenrock, neudeutsch Culotte, oder doch einfach eine weite Hose? Diese Frage stellte ich mir eigentlich erst beim Betrachten der Bilder. Beim Nähen war mir noch klar, daß ich eine Hose nähte, nämlich die Jenny Trousers von Closet Case.

Jenny ist eigentlich eine Latzhose, hier schon mal von mir genäht und in diesem wettertechnisch wechselhaftem Frühjahr gerne von mir getragen. Im letzten heißen Sommer war es dann mehr die kurze Version, die ich oft getragen habe. Beide Teile mag ich gerne, und so lag es nahe, auch noch mal eine lange Hosenversion auszuprobieren. Irgendwie muß der teure Schnitt sich ja auch amortisieren!

 Damit es nicht ganz so langweilig beim Nähen werden würde, habe ich an die Hose einen Vorderverschluß mit Knöpfen gebastelt. Der Originalschnitt hat einen seitlichen Reißverschluß, so hatte ich auch meine Shorts genäht. Irgendwie fand ich aber, daß für die Optik eine Betonung der Mittellinie schön wäre, deshalb der Entschluß zum Vorderverschluß mit sichtbaren Knöpfen.

 Diese Idee stammt durchaus nicht von mir, sondern es gibt auf dem Blog von ClosetCase eine Version der Latzhose mit mittigem Knopfverschluß, die mir sehr gut gefällt. Für die Konstruktion des Knopfverschlusses gibt es ein schönes Tutorial, das habe ich dann für meine Hose verwendet.
Mein Stoff ist  der Essex Yarndyed Homespun Navy von Robert Kaufman, ein Leinen-Baumwollgemisch. Ich hatte 2 m von dem Stoff und dachte, das müßte dicke reichen für eine Hose...beim Zuschneiden mußte ich dann allerdings doch etwas nachdenken, da der Stoff nur 110cm breit war. Dadurch konnte ich auch nur den schmalen Originalbund zuschneiden, der im Schnitt enthalten war. Eigentlich hatte ich mir einen Formbund vorgenommen, um einen besseren Sitz in der Taille zu erreichen- mache ich dann bei der nächsten Jenny-Hose.
Der Schnitt hat an beiden Seitennähten eine üppige Nahtzugabe von 1 inch, das ist dafür gedacht, daß man bei der Latzhosen-Version eventuell auf beiden Seiten Reißverschlüsse einnähen muß. Ich hatte das natürlich vergessen beim Zuschneiden, wenn ich daran gedacht hätte, hätte ich vielleicht doch etwas Stoff einsparen können.

Ich habe die Paßform der Hose bewußt weit gewählt und Gürtelschlaufen angenäht, um die Weite nach Bedarf noch mit dem Gürtel korrigieren zu können. Der Stoff ist nicht dehnbar,  und die Hose sitzt recht hoch in der Taille- ich wollte nicht riskieren, dass diese Kombination unbequem ist.
So ist die Hose durch ihre legere Paßform ausgesprochen bequem in allen Lebenslagen. Radfahren ist gut möglich, wobei ich dann die Hosenbeine etwas hochkrempele, um unliebsame Kontakte zwischen Hosenbeinen und Radbestandteilen zu vermeiden.
Für das Innenleben der Hose habe ich einen Rest von einem Atelier Brunette Stoff verwendet "Sparkel Midnight blue"
Ist es denn jetzt eine Hose, oder doch ein Hosenrock, eine Culotte? Im Schnittkonstruktionskurs habe ich ja mal gelernt, daß der Hosenrock aus dem Rock-Grundschnitt kommt, und die Hose eben aus dem Hosengrundschnitt...ich glaube, praktisch spielt das keine Rolle und die Übergänge sind fließend.

Ich habe beim Tragen dieser Jenny-Version durchaus das Gefühl, einen langen Rock zu tragen, da die weiten Hosenbeine beim Laufen so schön schwingen und auch nichts die Beine einengt. Andererseits ist sie natürlich eindeutig eine Hose, mit allen hosentypischen Vorteilen. Also, eigentlich der ideale Mittelweg!
Das Shirt ist, Insider haben es schon längst erkannt, das Plantain von Deeranddoe, 2017 genäht. Ich hatte mir damals viel Gedanken über die Paßform des Shirtes gemacht und hier darüber gebloggt.  Mittlerweile mache ich mir über die Paßform des Shirtes überhaupt keine Gedanken mehr. Es ist ein Lieblingsshirt, ich trage es gerade in den Übergangs-Jahreszeiten gerne und viel. Meine Gedanken gelten jetzt eher der Haltbarkeit des Stoffes: es ist ein hochwertiger Jersey des finnischen Labels Nosh und hat die vielen Waschvorgänge, die so ein Lieblingsshirt erdulden muß, bisher mit Bravour hinter sich gebracht. Es ist jetzt fast genau zwei Jahre alt- ich bin auf die nächsten Jahre mit diesem Shirt sehr gespannt!

Sehr gespannt bin ich auch, ob meine erneute Verlinkung mit dem Memademittwoch erlaubt ist...der Linktool von letzter Woche ist immer noch offen, da es offensichtlich ein technisches Problem gab und die originale Linkliste gelöscht wurde. Liebes Team vom MMM, falls das für Euch nicht in Ordnung ist, einfach meinen Beitrag löschen oder mir Bescheid sagen, ich lösche dann die Verlinkung selbst!
Gerne verlinke ich mit der schweizer Linkparty von Muckelie Showmewhatyoulove sowie mit den Donnerstags-Linkaktionen Sewlala und Dufürdichamdonnerstag

Dienstag, 4. Juni 2019

Zadie Jumpsuit von Paper Theory Patterns

Der Zadie Jumpsuit von Paper Theory Patterns begegnete mir in den letzten Wochen ständig in den einschlägigen sozialen Medien. Alle gezeigten Beispiele gefielen mir sehr gut, alle Näherinnen sangen Lobeshymnen auf diesen Schnitt, er wurde als "Schnitt des Jahres" bezeichnet. Dazu war er nach der einhelligen Meinung aller einfach und schnell zu nähen. Da ich mir für den Sommer noch einen Jumpsuit aus Webstoff nähen wollte, war die Entscheidung für einen Schnitt ganz einfach- es mußte Zadie sein.
Paper Theory Patterns ist ein sympathisches, kleines Schnittmusterlabel aus England. Bisher gibt es fünf veröffentlichte Schnitte, davon einer ein kostenloser Schnitt für eine Unterhose. Von den anderen Schnitten war mir das Kabuki-T-Shirt ein Begriff, ein stark geometrisch geprägter Oberteilschnitt, den ich immer schon interessant, aber als nicht für mich geeignet befunden hatte. Zadie ist nun der fünfte veröffentlichte Schnitt. Zadie ist ein Wickel-Jumpsuit, das gewickelte Oberteil setzt sich auch in der Hose fort, dadurch kommt der Schnitt ohne  einen weiteren Verschluss aus und ist entsprechend einfach und schnell zu nähen. Die Bänder, mit denen man den Jumpsuit um sich wickelt, setzen sehr geschickt an der Spitze  des Wickelteiles an, ein Band wird dann durch eine Öffnung in der Seitennaht gefädelt.
Der Schnitt hat zwei schräge Eingriffstaschen im Vorderteil mit geräumigen Taschenbeuteln, die in der Taille befestigt sind.
Die Schultern sind überschnitten, es gibt auch eine Version mit langen Ärmeln, die an die überschnittenen Ärmel einfach angesetzt sind. Ich zeige heute die Version ohne Ärmel.

Zadie wird als "oversized" Schnitt bezeichnet, entsprechend groß ist die Differenz zwischen den Körpermassen und den Massen des fertigen Stückes. Eine Bequemlichkeitszugabe von  14 cm im Brustumfang und 21cm im Hüftumfang ist schon ganz ordentlich, ich konnte mir das auch gar nicht vorstellen. Da aber so viele, die den Schnitt erfolgreich genäht habe, auch berichten, sie hätten eine kleinere Größe gewählt, ging ich auch eine Größe zurück und hatte den Schnitt in Gr 8 im Oberteil und Gr 6 im Hosenteil ausgeschnitten. Die Anpassung zwischen den verschiedenen Größen in der Taille gelingt völlig problemlos über die kleinen Fältchen, in die sowohl Hose als auch Oberteil eingelegt sind.

Das Zuschneiden des Jumpsuits war eine Challenge für sich. Ich hatte einen Leinen-Viscosechambray von Robert  Kaufman ausgewählt,  hier bezogen, feine blauweiße Streifen befand ich als ideal für einen Sommer-Jumpsuit. Ich hatte 2,30 von dem Stoff, und die habe ich auch gebraucht....das waren ja so große und breite Schnitteile, die ich zuschneiden mußte! In der Anleitung ist auch ein Zuschneideplan, an den ich mich teilweise gehalten habe, und ich habe überwiegend einlagig zugeschnitten. Alles andere hätte zu einem erhöhten Stoffbedarf geführt.

Das Nähen war überwiegend unproblematisch. Über manche Einzelheiten der Anleitung könnte man diskutieren...so wird meistens eine Overlock für die geraden Nähte eingesetzt. Kann man natürlich machen und entspricht wohl der Arbeitsweise der Industrie, aber ich denke, für die Hobbynäherin wäre es doch angebrachter, mit der Nähmaschine zu arbeiten und die Saumkanten  wie auch immer zu versäubern. Die vordere Ausschnittkante wird mit selbstgemachtem Schrägband versäubert. Nach der Anleitung wird das Schrägband erst gefaltet und dann um die offene Saumkante gestülpt und festgenäht. Das ist in meinen Augen so ziemlich die schwierigste Form der Schrägbandversäuberung, vor allem bei langen und geschwungenen Kanten.

Ich hatte kurz probiert, meinen  Bandeinfasser  an der Nähmaschine dafür einzusetzen, fand das Ergebnis aber nicht überzeugend und vor allem nicht stabil genug. Wenn ich den Bandeinfasser verwende oder auch beim Festnähen eines vorgebügelten Bandes nähe ich ja nur eine einzige Naht, die dann sowohl die eingeschlagenen Seiten des Schrägbandes als auch den Hauptstoff erfassen soll. Ich habe mich lieber auf die traditionelle Methode verlassen, also das Schrägband mit der ersten Naht von der linken Seite aufgenäht, dann nach rechts umgeschlagen und von der rechten Seite nochmals eingeschlagen festgenäht. Die vordere Kante wird viel strapaziert, denn bei jedem An- und Ausziehen zerrt man an dieser Kante, und das ist einige Male am Tag- aus naheliegenden Gründen bei einem Einteiler.

Beim Nähen kamen mir ja schon die ersten Bedenken, ob ich diese Stoffmassen wirklich so tragen würde. Ich hatte deshalb schon bei den Seitennähten erst großzügigst mit der Overlock versäubert und dann auch die Seitennähten mit einer größeren Nahtzugabe genäht als vorgesehen. Vorm Zusammennähen von Hose und Oberteil hatte ich erst mal geheftet und dann gleich mal jeweils 2 cm von Ober- und Unterteil abgeschnitten- das war eindeutig viel zu groß, und die Schrittkurve hing fast in der Kniekehle- oversized hin oder her, so konnte ich das nicht tragen.
Nach dieser ersten Kürzungsaktion fühlte ich mich aber ganz auf der sicheren Seite, nähte frohgemut alles zusammen und freute mich auf meinen neuen Jumpsuit. Ich hatte im Mai einen (relativ runden) Geburtstag und hatte eigentlich den Plan, dann den Jumpsuit zu tragen bei entsprechendem Wetter. Denn den stellte ich mir so schick vor!
Aber die Anproben des finalen Teiles waren ernüchtern. Seht selbst:
erste Zadie-Version...
...eindeutig zu groß...
...nicht überzeugend!
Ich kam mir vor wie in einer Mischung aus Bademantel oder Judoanzug, wie man vielleicht auch an meinem Gesichtsausdruck auf den Bildern erkennen kann. Ich hatte die Bilder dann auf Instagram gezeigt, und die versammelte Schwarm-Intelligenz der Näherinnen war einhellig meiner Meinung: dieser Schnitt ist nichts für mich, schade um den schönen Stoff!

Aber nun ist ja eine Nähmaschine nicht nur zum Nähen, sondern auch zum Ändern da, und schon am nächsten Tag machte ich mir Gedanken, wie ich das verunglückte Teil retten könnte. Erst hatte ich ja den Plan, den Jumpsuit nur im Garten und auf der Couch zu tragen, aber dafür war mir der Stoff ehrlich gesagt zu schade.. Ich habe dann verschiedene Schnittteile auf den Zadieschnitt aufgelegt und überlegt, ob ich einen Rock jedenfalls aus diesen weiten Hosenbeinen zusammenstückeln könnte, aber das passte alles nicht so richtig. Nach einigem Rumprobieren vorm Spiegel dachte ich dann, die Lösung gefunden zu haben: ich wollte die Hose abtrennen, viele Falten am Bund einlegen und einen richtigen schönen Formbund drannähen. Da ich ja keinen Stoff mehr übrig hatte, bestellte ich rasch noch etwas nach, zum Glück gab es den schönen Stoff noch. Aus dem Oberteil wollte ich dann ein getrenntes Wickelteil machen, vielleicht hätte sich dann doch noch eine Jumpsuit-Optik ergeben.
Aber diese Pläne wurden dann nach einem Wochenende (ohne Nähmaschine) wieder umgeworfen, denn irgendwann hatte ich dann die richtige Idee.

Ich heftete probeweise die Seitennähte deutlich enger: siehe da, gleich tragbarer! Dann wurden auch noch die Schulternähte nach unten verlegt- auch viel besser! Leider mußte ich dafür dann das Schrägband am Halsausschnitt teilweise abtrennen und neu annähen. Bei allen anderen Nähten konnte ich einfach abschneiden, da sich meine Änderungen so eindeutig im Bereich von mehrern Zentimetern bewegten. Und die überschnittenen Ärmel wurden etwas gekürzt, dann sah das deutlich besser aus.
Insgesamt sind meine Änderungen so, daß ich in eine deutlich kleinere Gradierung des Schnittes geraten bin. Der Schnitt hat eine Gradierung von  Gr. 6 bis 28, ich bin jetzt etwas unter der kleinsten Größe 6 (die vermutlich einer deutschen 34 entsprechen würde).
Ich will das dem Schnitt und der Designerin wirklich nicht vorwerfen, denn sie gibt es eindeutig in ihrer Anleitung an, wie "oversized" der Schnitt von ihr konstruiert ist. Andererseits wird der Schnitt von fast allen Näherinnen , zumindest von denen, die ich auf Insta oder auf den Blogs gesehen habe, deutlich verkleinert. Ich denke, das sind einfach die verschiedenen Auffassungen des Schnittes. Eigentlich spricht das auch sehr für diesen Schnitt, daß er auf so viele verschiedene Weisen interpretiert werden kann! Und natürlich hängt es auch noch vom Stoff ab, wer eine ganz weiche Viskose vernäht, kommt sicher auch mit größeren Weiten gut zurecht.
 Die Bändel sollen eigentlich vorm Bauch gebunden werden, so trage ich den Jumpsuit auch meistens. Für die Bilder hatte ich mal probiert, ihn hinten zu binden, was ich eigentlich noch schöner finde, aber die Bändel sind dafür etwas zu kurz.
Ich bin jedenfalls mit meinen Änderungen sehr zufrieden. Der Schritt der Hose ist weiterhin eher tief, aber das dient eher der Bequemlichkeit im Alltag. Apropos Bequemlichkeit: das An- und Ausziehen ist wirklich einfach und hält einen nicht davon ab, regelmäßig auf die Toilette zu gehen. Der Schnitt und auch der Stoff sind so luftig, daß sich das Teil hervorragend für die jetzt warmen Temperaturen eignet. Letzte Woche war ich auf einer Kammermusikfreizeit und habe den Jumpsuit auf die Bratschespiel-Tauglichkeit geprüft- hervorragend, er überstand auch einen schweißtreibenden Abend mit Mozart-Streichquintetten!
Also : auch von mir eine klare Empfehlung für diesen Schnitt, aber vielleicht mit der Empfehlung, erst mal die Masse des fertigen Teiles mit den eigenen Erwartungen zu überprüfen...


verlinkt: Memademittwoch
              Thecreativelover
               DufürdichamDonnerstag


Mittwoch, 15. Mai 2019

RosaP Tuch No. 2 , ein Blogpost mal nur übers Stricken



Mein Blog trägt den Untertitel  "ein Blog über die Freude am Selbernähen", und so war er ja auch konzipiert, nämlich als Nähblog. Natürlich war es mir nicht entgangen, daß viele der Näherinnen auch begnadete Strickerinnen sind, aber das Kapitel Stricken hatte ich für mich eigentlich längst abgehakt.
Denn nach meiner Erinnerung hatte ich als Teenager schon mal Zeiten gehabt, in denen ich sehr, sehr viel gestrickt habe. Man schrieb die späten 70er Jahre, und ich glaube, das Stricken war damals durchaus in. Ich erinnere mich an Sonderhefte übers Stricken aus der Zeitschrift " Brigitte", in unserem Kleinstädtchen gab es ein florierendes Wollgeschäft, und überhaupt strickte damals mein ganzer Bekanntenkreis.

Ich hatte auch viel Gelegenheit zum Stricken. Ich war Schülerin, später Studentin, und es gab einfach immer Gelegenheiten zum Stricken. Bahnfahrten, Vorlesungen, Choproben, alles immer gut mit Strickereien zu vereinbaren. Gestrickt habe ich glaube ich viele Pullover, aber ich erinnere auch Handschuhe, Schals, so ganz genau weiß ich das gar nicht mehr. Interessanterweise ist auch nichts von diesen Teilen erhalten- hatte ich damals noch keinen Sinn für den Wert von Selbstgemachten? Oder war es einfach in den Wirren von manchen Umzügen untergegangen? Vielleicht habe ich auch gar nicht so viel gestrickt, wie es meine Erinnerung mir vorgaukelt, aber ich glaube, ich war damals schon eine geübte Strickerin. Die Strickanleitungen damals kamen glaube ich aus besagtem Wollgeschäft in unserem Städtchen, und technische Fragen löste ich vermutlich mit einem Handarbeitsbuch. Auch bei uns stand das Standardbuch von Ruth Zechlin im Bücherschrank : Werken für Mädchen. Ein Titel, der heute jeden Gender- Aktivisten auf die Barrikaden rufen würde!

In den letzten Jahren habe ich mich viel mit der Näherei beschäftigt und dabei glaube ich ein ganz gutes Niveau erreicht, von dem aus ich weiter arbeiten kann. Ich bin ja (leider) so strukturiert, daß ich alle Dinge, die ich mache, auch möglichst perfekt machen möchte. Ich lese dann darüber nach, informiere mich, studiere Originalliteratur und habe einfach den hohen Anspruch, an diesen  Dingen zu wachsen. Ein Anspruch, der mich oft an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit bringt!
Aber andererseits ist es ja auch so schön, irgendetwas gut zu können. Wie schön, daß ich mir jetzt Hosen in einer akzeptablen Paßform selbst nähen kann! In meinem Schrank hängen viele schöne selbstgenähte Dinge (die nicht so schönen werden regelmäßig aussortiert, über das Mengenverhältnis schweigen wir lieber, hmmm...), Nähen ist einfach toll.
Aber stricken? Wie gesagt, so ganz interessant erschien es mir nicht, aber schließlich braucht man auch  gestrickte Dinge, vor allem im Winter. Vor einigen Jahren fing  es an mit einem Schal. Ich hatte eine gekaufte gemusterte Mütze, die ich sehr liebte, dazu aber keinen passenden Schal. Also ging ich ins örtliche Wollgeschäft, wollte fachmännisch oder -frauisch mir Wolle aussuchen  und dann dieses Dingen mal runterstricken.

Ich suchte also ganz souverän meine Wolle aus, und auf die Empfehlung der Inhaberin, ich wolle doch den Schal sicher im Patentmuster stricken, nickte ich nur und nahm dann die empfohlene Menge Wolle mit.
Zuhause mußte ich dann erst mal überlegen , wie das mit dem Patentmuster war, und zum Glück hilft uns das Internet bei diesen Fragen ja so gut weiter. Der Schal wurde fertig, aber das ganze dauerte doch wesentlich länger, als es gedacht war. 
Nach dem Schal folgte eine Jacke, die glaube ich zwei oder drei Jahre Strickdauer hatte. Es war ein einfacher Schnitt, glatt rechts gestrickt aus einer wunderschönen Wolle. Das Problem war einfach die fehlende Gelegenheit zum Stricken.
Aber nach der Fertigstellung der Jacke hatte ich dann schon Blut geleckt. Mittlerweile war mir auch klar geworden, daß das Internet, die Welt der Blogger, auch fürs Stricken spannende und neue Informationen für mich bereithalten würde. Und auch das Equipment fürs Stricken ist ja mittlerweile so schön! Stricknadeln aus Bambus liegen einfach viel besser in der Hand als die Metallnadeln, die wir früher hatten. Und diese bunten Maschnmarkierer sind so praktisch, sowas hatte ich mir schon immer gewünscht. Es folgte ein Mütze nach einem Muster von RosaP, gern und viel getragen, und dann das Tuch, das ich heute zeige.

Das Tuch habe ich im Herst 2018 begonnen, fertig wurde es im März 2019, also nach ungefähr 6 Monaten. Für mich ist das eine akzeptable Zeit, da ich über diesen Zeitraum die Vorfreude auf das Tuch aufrecht erhalten konnte. Das Stricken war angenehm- das Lochmuster, in dem ein Großteil des Tuches gearbeitet ist, stellt keine besondere Schwierigkeit dar, aber ist auch keine so ganz tumbe  Strickerei. Und die falschen Zöpfe im letzten Drittel der Strickarbeit stellen nochmal eine besondere Herausforderung dar, über die man die zunehmend länger werdenden Reihen vergißt.
Gestrickt ist das Tuch aus Schachenmmayr Regia Premium , eine Mischung aus Merinowolle, Polyamid und 20% Seide. Das fertige Tuch trage ich sehr, sehr gerne...eigentlich trage ich es immer, seit es fertig ist...etwas Pilling glaube ich zu bemerken am Tuch, aber das gibt dem ganzen vielleicht erst die richtige Patina.

Und jetzt ist wieder eine Jacke an der Reihe, mit der ich mich auch ganz stolz am Sommerjackenknitalong des Memademittwochs beteilige- leider kann ich nach einem verheißungsvollen Beginn noch wenig Fortschritte vorweisen. Zum Finale wird es nicht fertig, aber ich hoffe jetzt einfach mal auf einen verregneten Sommerurlaub !


verlinkt: Dufürdichamdonnerstag
              Thecreativelover

Mittwoch, 1. Mai 2019

Jasika Blazer von Closet Case Pattern

Ich nähe ja gerne und viel und eigentlich alles mögliche. Manche Dinge tauchten aber bisher noch nie in meiner Näh-Wunschliste auf, so wie z.B. Schuhe, Unterwäsche oder Abendkleider. Ich weiß zwar, daß manche Näherinnen sich auch an selbstgenähten Schuhen versuchen, aber das habe ich bisher nicht in die engere Wahl gezogen, das schien mir doch etwas zu speziell. Unterwäsche selbst nähen- gut, Unterhosen habe ich schon mal probiert, geht auch ganz gut, aber das BH-Nähen hebe ich mir für einen späteren Zeitpunkt auf, wenn ich mal ganz viel Zeit habe. Und Abendkleider brauche ich definitv nicht, dafür fehlt mir die Gelegenheit.

Und auch ein Blazer war so fernab meiner täglichen Kleidungsroutine, daß ich hier nie den Wunsch verpürt habe, mich am Selbernähen zu versuchen. Und ich wußte oder ahnte es zumindest, daß so Blazer auch sehr speziell aufgebaut ist, mit Schulterpolstern, diversen Verstärkungen und was so mit dazu gehört.
Natürlich habe ich auch immer wieder mal in meinem früheren Leben einen Blazer gekauft, getragen wurden die glaube ich nie sehr viel und dann irgendwann im Altkleidersack entsorgt.
Jedenfalls brauchte ich keinen Blazer- bis ich die Ankündigung von Heather Lous aka Closet Case neuem Schnittmuster sah: ein Blazer!
Und nicht irgendein Blazer, sondern ein sehr sportliches Modell, das in den Designbeispielen mit aufgekrempelten Ärmeln und mit Ellbogenpatches zu Jeans kombiniert wurde. Ich war hin und weg und wußte sofort: diesen Blazer mußte ich nähen.

Und nicht nur das war mir innerhalb einer halben Stunde klar, sondern auch die Stoffwahl. Normalerweise überlege ich schon länger, welchen Stoff ich für einen Schnitt nehme, denn die Stoffwahl entscheidet ja zum großen Teil über das Gelingen eines genähten Teiles. In diesem Fall erinnerte ich mich sofort an den German Tweed von Zuleeg. Zuleeg ist eine deutsche Stofffirma, residiert in Franken in der Gegend von Bayreuth und beweist durch ihre Firmenpolitik, daß man auch in Deutschland hochwertige Stoffe herstellen kann. Der German Tweed ist ein interessanter Stoff, da er aus der regionaler Wolle hergestellt wird. Die dafür verantwortlichen Schafe leben auf der Schwäbischen Alb, gesponnen wird in Zwickau (also die Wolle wird dort gesponnen!) und der Stoff dann in Franken gewebt.
Ich hatte mir von dem German Tweed Muster schicken lassen. Es ist wirklich ein wunderschöner Stoff, relativ dick, auch etwas kratzig, aber irgendwie eine ganz stabile Angelegenheit. Aus diesem Stoff läßt sich allerdings nicht viel nähen- für Röcke und Kleider ist er viel zu dick. Aber für einen Blazer ideal, und so war die Stoffwahl rasch entschieden. Mein grau-blauer Stoff trägt übrigens den schönen Namen Prinz Eisenherz.
Auch die Stoffwahl fürs Futter war nicht weiter schwierig. Ich hatte verschiedene Stoffproben um meinen schönen graublauen Tweed herum ausgebreitet, und dieser Atelier Brunette Batist "Sparkle Midnight" war so eindeutig gut passend, daß alles andere rasch verworfen wurde.
Zu einem Blazer gehört aber nicht nur der Ober- und Futterstoff, sondern auch viele andere Kleinigkeiten, die das Innenleben von diesem guten Stück ausmachen. Ich hatte mir die Zutatenliste durchgelesen und bin dann zunächst an der Roßhaareinlage  hängen geblieben, denn so etwas hatte ich noch nie verarbeitet oder gekauft. ClosetCase bietet ein Zubehör- Päckchen mit allen notwendigen Einlagen und Schulterpolstern an, das ich mir dann bestellt habe. Mittlerweile habe ich aber auch europäische Quellen entdeckt, die Roßhaareinlage  vertreiben. Bei Inge Szoltysik-Sparrer (besser bekannt als Pingel-Inge) im Shop gibt es z.B. auch sehr viel Zubehör fürs Blazernähen, darunter auch Roßhaareinlage.

Aber das Original-Päckchen von ClosetCase war dann schon bestellt und wurde auch innerhalb von zwei Wochen geliefert. Den Zoll-Betrag kassiert bei mir der DHL-Bote, also alles ganz unproblematisch.
In dem Päckchen waren zwei verschiedene Sorten Einlagen, eine gewebte und eine dehnbare. Die gewebte Einlage entsprach ziemlich genau der Einlage, die ich auch sonst immer verwende und hier beziehe. Aber die dehnbare Einlage war schon interessant, wirklich sehr, sehr dehnbar und dünn, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Dann war ein Stück Roßhaareinlage im Paket, das zum Verstärken der oberen Vorderteile gedacht ist, Schulterpolster und Ärmelfische.Außerdem noch ein wunderschönes Leinenband zum Verstärken der Revers-Kante und der Schulternähte. Ein ähnliches Leinenband hatte ich schon mal in Frankfurt bei einem Schneiderbedarfgeschäft gekauft, es wurde dort allerdings erst nach meiner hartnäckigen Nachfrage und Beteuerung, daß ich wirklich nichts aufbügelbares wolle, aus einer hinteren Schublade gezogen.
Aber egal, in meinem kanadischen Päckchen waren nun alle notwendigen Dinge enthalten, und ich hätte gleich mit dem Nähen loslegen können, wenn, ja, wenn da nicht die notwendigen Stoffvorbereitungen gewesen wären.

Ich habe meinen Wollstoff mit reichlich Dampf vorbehandelt und dafür meine Dampf-Bügelstation verwendet. Das Thema der Vorbehandlung von Wollstoffen ist auch in früheren Mantel-Sewalongs auf dem Memademittwoch immer wieder mal diskutiert worden. Ich weiß, daß viele darauf verzichten und trotzdem zu guten Nähergebnissen kommen. Ich habe für mich entschieden, die zeitaufwendige Stoffbedampfung in Kauf zu nehmen, das war mir immer lieber als nachher unliebsame Überraschungen beim Zusammennähen zu erleben. Denn beim Nähen und Bügeln wird der Wollstoff mit Sicherheit viel feuchtem Dampf ausgesetzt- besser, er ist schon vorher eingelaufen und geschrumpft.
Also wurde erst gedämpft, langsam, Stück für Stück.Dann die Einlage aufgebügelt- auch das ein Kapitel für sich, denn teilweise wurden die Stoffteile ganz mit Einlage verstärkt, oder auch verschiedene Einlagen aufeinander, oder nur teilweise Einlage-zum Glück wird das in der Anleitung alles sehr genau beschrieben. Es gibt für jedes Einlagenteil ein eigenes Schnittmusterteil, das macht die Schnittmusterbögen zwar im ersten Augenblick etwas unübersichtlich mit den fast 40 verschiedenen Schnitteilen, aber wenn man das alles systematisch abarbeitet, ist es eigentlich unproblematisch.

Die Anleitung von Closet Case ist wie immer hervorragend. Was ich allerdings vermißt habe bei diesem Blazer, sind die ausführlichen Erklärungen von Arbeitsschritten auf dem Blog. Bei den meisten früheren ClosetCase Schnitten gab es einen Sewalong auf dem Blog, dieser war auch für alle kostenlos einsichtig. Da findet man z.B. die legendäre Anleitung über das Einnähen eines Jeansreißverschlusses, die in meinen Augen unerreicht gut ist. Auch für den Jasika Blazer gab es einen Sewalong, dieser war allerdings eher ein Instagram-Happening, wo jeder seine Fortschritte zeigen konnte und auch regelmäßig Preise verlost wurden, wohl um die Teilnahme zu steigern.
Wer ausführliche Erklärungen zum Nähen benötigte, mußte das Video kaufen, in dem der ganze Nähprozess nochmal besprochen wurde.
Ich habe das gemacht, finde das Video auch sehr gut, wobei ich immer noch besser mit schriftlichen Anleitungen zurecht komme. Wie oft habe ich dann im Video hin und her gespult, um eine bestimmte Stelle noch mal zu sehen.

Der Schnitt ist übrigens ein recht klassischer Blazer-Schnitt, etwas tailliert, mit Paspeltaschen im Vorderteil, fakutativ mit Klappen über den Taschen oder einer Brusttasche.
Ich habe Gr 10 genäht, an der Hüfte zu Gr 8 auslaufend. Ich habe den Brustpunkt ca 3 cm tiefer gesetzt, den Taillenabnäher etwas verringert und die Schultern schräger gestellt.  Den Armausschnitt habe ich etwas nach unten vertieft. Diese Änderungen habe ich größtenteils schon vor dem Nesselmodell gemacht durch Abgleich mit meinem Grundschnitt. Ich habe verschieden hohe Schultern und hatte mir schon überlegt, das durch das Schulterpolster auszugleichen. Aber schon beim Nesselmodell habe ich gemerkt, daß das unter den Schulterpolstern gar nicht mehr auffällt.

Das Beste am Video fand ich die Erklärungen und Demonstrationen zum Bügeln. Übers Bügeln erfährt man sonst ja eher wenig, wenn es hochkommt, wird es in einer Anleitung überhaupt erwähnt. Aber hier wurden alles Bügelschritte genau erklärt und vorgeführt. Ein umfangreiches Equipment wurde verwendet, von dem ich nur ein großes Bügelei besitze. Großen Wert legte Heather auf die Verwendung eines "clappers" , ein Holzstück, mit dem nach dem Bügeln eines Saumes die Feuchtigkeit festgehalten wird. Man legt das Holzstück unmittelbar nach dem Bügeln auf den Saum und läßt ihn dort einige Sekunden liegen.
Ich habe sowas natürlich nicht und habe deshalb einfach den Holzgriff einer (sauberen!) Schuhbürste zweckentfremdet. Und von dem Effekt war ich wirklich überrascht, die Nähte werden wirklich viel schöner, wenn der Dampf so gleichsam in der Naht "versiegelt" wird.
Viele Teile am Blazer wurden in Form gebügelt, so z.B. der Unterkragen, der auf dem Bügelei festgesteckt  und gedämpft wurde und dann bis zum nächsten Morgen sich an seine neue Form gewöhnen konnte.
Ungewohnt war für mich die Verarbeitung von Schulterpolstern und Ärmelfischen. Aber eigentlich ist das ja ganz unproblematisch, wurde einfach aufgenäht und trug so zur Inneneinrichtung des Blazers bei.
Insgesamt war es ein sehr spannender und abwechslungsreicher Nähprozess. Da alle Schritte so gut beschrieben waren, gab es keine größeren Krisen bei der Näharbeit, sondern die Spannung und die Vorfreude auf das fertige Kleidungsstück wuchs mit jedem Schritt.
Mein Wollstoff erwies sich trotz seiner Dicke als sehr gutmütig beim Nähen. Er ließ sich hervorragend dämpfen, so daß mir die Paspeltaschen recht gut gelungen sind. Musteranpassung bei Fischgrat wird übrigens in meinen Augen eindeutig überbewertet!
Und weil ich dann gerade so schön im Paspel-Modus war, wurde auch noch ein Paspel-Knopfloch eingebaut...eigenlich war ein genähtes Knopfloch vorgesehen, aber ich fand das zu meinem dicken Stoff nicht so passend.
Das Futter wurde fast komplett mit der Maschine eingenäht. Die hellgraue Paspel konnte ich mir dann nicht verkneifen, die paßte zufällig so gut dazu.
Der Tragekomfort des fertigen Blazers ist unglaublich hoch. Der Blazer wärmt richtig schön, und das Baumwollfutter ist angenehm auf der Haut. Über langärmligen Shirts gleitet das Futter allerdings nicht gut, da muß man dann schon etwas zuppeln. Aber ich hatte ihn mir auch eher als Kleidungsstück für die Übergangszeit vorgestellt, oder so für einen kühlen Sommermorgen oder -abend, und da scheint er sich gut zu bewähren.
Besonders freue ich mich über die Bequemlichkeit im Rückenbereich. Der Rücken ist ja eher leger geschnitten, und so kann ich ihn problemlos zum Fahrradfahren anziehen.

So ein Blazer ist natürlich ein aufwendiges Stück, das näht sich nicht mal eben an einem Nachmittag. Aber da das Nähen so spannend war, habe ich die Beschäftigung mit dem Blazer als ausgesprochen angenehm empfunden. Eigentlich war ich enttäuscht, als er fertig war..ich hatte mich so schön an den Rhythmus gewöhnt: Video schauen, Neues lernen, dann ausprobieren, sich am Werden des Kleidungsstückes freuen, nochmals nachschauen, ob auch alles richtig gemacht wurde...von mir aus hätte das noch vier Wochen so weiter gehen können!

Aber vielleicht ist ja nach diesem Blazer auch vor dem nächsten Blazer. Natürlich könnte ich mir auch viele andere Versionen dieses Schnittes vorstellen, und im Rahmen des Instagram-Sewalongs sah man ja auch viele andere schöne Versionen. Vielleicht noch ein Leinen-Blazer für den Sommer?
verlinkt: Memademittwoch
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